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Locke' s V e r f u c h

über den

menfchlichen Yerltand.

Aus dem Englifchen überfetzt

mit einigen Anmerkungen und einer Abhandlung

übe»'

den Empirismus in d«r Philofonhi«

D. Wilhelm Gottlieb Tennemann.

Zweiter TheiL

L e i p z i g,.

htj Iohann Ambrofius Barth, 17 9 7.

Locke' s V e r f u c h

über den

menfclilichen Verltand.

Aus dem Englifchen überfeizt

mit einigen Anmerkungen und einer Abhandlung über

den Empirismus in ckr PhilofophU von

D, Wilhelm Gottlieb Tennemann. Zweiter T h e i 1.

L e i p z i g,.

htj Iohann Arabrofius Barth, 17 9 7.

Inhalt

des zweiten T heil 3.

Zweites Buch.

Ein und zwanzigfies Kapitel. Von dem Ver- mögen und der Kraft. S. i Zwei und zwanz. Kap. Von gemifchten Be-

fiimmungen. ioi

Drei und zwanz. Kap. Von unfern zu fammen-

gefetzten Begriffen der Subftarizen. 11$ Vier uud zwanz. Kap. Von coliectiveu Begrif- fen,der Subfianzen. l5<>

Fünf und zwanz. Kap. Von dem Verhältnifs 162

Seclis und zwanz. Kap. Urfachc und Wirkung

nebfi andern Verhältniffen. 172'.

Sieben und zwanz. Kap. Von der Identität

und Verfchiedenbeit. j^cj

Acht und zwanz. Kap. Von andern Verhält- nifTen. 219

Neun und zwanz. Kap. Von klaren und dun- keln , deutlichen und undeutlichen Voritel- lungen. 244

Dreifsioftes Kap. Von realen und erdichteten

Vorlullungen. v_ 263

Inhalt.

S.

Ein und ireibiellei Kap. Von vollkommt.

nen und unvollkommenen Vorßellnnge». _ ;-■> Zwei und drei&igftea Kap. Von wahren und

i'dllchcn Vorftellungen. s8jj

Drei und dieifsigftes Kap. Von der Vcrge-

rcHLli.iiiiuig der Voritellungen. _ 3 U

Drittes Buch.

Elftes Kap. Von den Worten oder der Sprach« überhaupt. 3. 9

Zweites Kap Von der Bedeutung der Worte. _ 55|

Drittes Kapitel. Von allgemeinen Sprachzei- chen. — 34I

Viertes Kap. Von den Sprachzeichen einfa- cher VorfU-llnngen. 360

Fünftes Kap. Von den Weiten der gemifch-

ten Beftimnwngen und Verhältnille. 3*3

Seclifles Kap. Von jden Worten für Subftan-

7.CH. ; 388

Siebentes Kapitel. Von den Partikeln. 429

Achtes Kap. Von abftrakten und concretea

Worten. 434

Neuntes Kap. Von der Unvollkonirnenheit

der Worte. __ 437

Zehntes Kap. Von dem Mifsbrauch der Worte 463

Eilftes Kap. Von Jen Gegenmitteln gegen die Unvollkoinmenheit und den Mifsbrauch der Werte. JOI

LokkeS

Locke' s V e r f u c h

über den

rnenfchlichen Verftand.

Zweites Buch.

Ein und zwanzigfte3 Kapitel.

Von dem Vermögen und der Kraft. *)

$. i.

Entflehung diefes Begriffs.

J-'ie tägliche Erfahrung von der Veränderung der Gegenßände der einfachen Voiftellungen aa

AnfTen-

•} Ich habe das Wort power bald mit Vermö- gen bald mit Kraft überfetzt, weil Locke die- le beiden Begriffe nicht forgfältig unierfcheidet. In einigen Stellen fchien es mir fogav nothwen- dig , beide Bedeutungen neben einander zu letzen.

Locke1*. II, Thcil. A

4 Zweites Cuch,

Auflendingen ; die Bemsrkung, dafs hier einDing auf »ort zu feyn, dort ein andres an feine Stelle tritt; die Beobachtung des beftändi»en Wech. fels der Vorftellungen in dem Gemiithe, der theils von den Eindrücken ätifserer Objecte auf die Sinne, theils von der Beftimmung unfercr eigenen Wahl abhängt; alles diefes leitet den tnenfchlichen Verftand auf den Schlufs , dafs eben diefelben bisher beobachteten Verän- derungen auch in der Zukunft an denfelben Ob- jeeten, durch diefelben Urfachen und auf die- felbe Weife ftatt finden werden. Er denkt fich demnach in dem einen Wefen die Möglich- keit, dafs die einfachen Merkmale dcllelben wechfeln, und in dem andern die Möglichkeit, diefen Wechfel hervorzubringen, und kommt hierdurch auf den Begriff von einem Vermö- gen» So fagt man* das Feuer habe ein Ver- mögen das Gold zu fchmelzen , oder die'Kon- fiftenz feiner Beftandtheile und feiner Härte zu zerftöhren, und es in einen flüffigen Körper zu verwandeln, und das Gold habe das Vermögen gefchmolren zu werden« In diefem und ähnli- chen Fällen wird das Vermögen nur in Bezie» hung auf den Wechfel der Vorüel- laugen und der dadurch vorliellbaren Be- fchaffenheiten betrachtet. Denn wir können keine Veränderung in einem Objecte, keine Einwirkung auf dailelbe als nur vermittelt der Veränderung in der Vorllellung deflelben wahr- nehmen und denken.

§. S.

Ein und zwanzigstes Kapitel. 3

Thatiges und leidendes Vermö- gen.

Das Vermögen ift Jn diefer Rückficht zwei- erlei, infbfern es in der Möglichkeit befteht, eine Veränderung Zu bewirken, oder eineVeränderung anzunehmen, Ienes kann thätiges, diefes leidendes Vermögen heifTen. Ob nicht die Materie aller mutigen Kraft beraubt, ihr Urheber hingegen über alle leidendeKraft erha- ben fey, und ob nicht der Zwifchenzuftand der erfchafienen üeifter in der Vereinigung thati« ger und leidender Kräfie beftehe, das verdien- te wohl eine eigne Unterfurhung. Dazu ift aber hier der Ort nicht; denn mein Zweck ift nicht, den Urfprung der Kräfte, fondern die Entftehungsart diefes Begriffs zu unterfuchen. Die thätjgen Kräfte machen , wie wir hernach. fehen werden, einen grofsen Theil unfrer zu- fammengefetzten Begriffe von körperlichen Subftanzen aus , und ich führe fie der gemei- nen Vorftellungsart gemäfs hier als folche an. Aber vielleicht find fie doch im Grunde nicht fo thätige Kräfte, wofür wir fie zu voreilig neh- men, und es dürfte daher nicbt unzweckmäfsig feyn, um dem Begriffe von Vermögen und Kraft die gröfste Klarheit zu geben, auf die Betrach- tung Gottes und der Geifter zurückzugehen»

A 2 §. 3t

4 Zwen«s Buch.

$. 3-

Das Vermögen fchlie fst etwas Re- latives ein. Der Begriff von Vermögen ent- hält zwar etwas Relative», eine Be- ziehung auf eine Handlung oder Ver- änderung; aber bei welchem Begriff fin- det fich uithi nach aufmerk. amer Betrachtung das nehinliche ? Enthalten nicht die ßegtiffd Ton der Ausdehnang Datier und Zahl einever fhckte Beziehung auf Theile? Bey der Figur und Bewegung das noch fichtbarer. Was find die finnlichen Bafchaffenheiten , Farben , Ge- rüche u. f, w. anders, als die Krafie verfchiede- ner Körper in Beziehung auf unfre \ orftellun- gen , und hängen diefe Kräfte nicht felbft von der Gröfse, Geftalt, Verbindungsart und Bewe- gung der Körpertheile ab? Da alfo bei allen Begriffen etwas ßeziehliches flatt findet, fo daif auch der Begriff von Kraft mit Recht eine Stelle unter den einfachen Begriffen er- halten, weil er einen HauptbefUndtheil des 2u(aininengefeizien Begriffs von der Subflanz ausmacht*

§♦ Den klärften Begriff von thatigen Vermögen erhalt« a wir aus dem Geilt erreiche.

Vorftellnngen von leidenden Vermögen er- halten wir in reichlichen Rlafse fad durch alle

Ob-

Ein und zwanzigstel Kapittl. i

Qbjeete der Sinne. Durchgehend« drin- gen uns die Sinae die Wahrnehmungauf, cafs die finnücben Befchaffenheiten , ja fo- gar die Subftar.z ao den meiften Außen* dingen in eine» beftandigen Veränderung und , und wir denken fie uns daher mit Grund als durchaus veränderlich. Auch von thäiigfn Vermögen (welches die eigentli' che Bedeutung des Worts power ift) finden fich in der Erfahrung nicht weniger BeiTpiele, Denn wo nur eine Veränderung wahrgenom- men wird , da tnufs fich der Verftand auch ir- gendwo eine;<Kraft, von welcher die Wirklich- keit abhängt, und in dem veränderten Dinge eine Empfänglichkeit für diefelbe denken. In- defs wird uns eine aufmeikfamere Unterfuch- ung überzeugen, dafs die Sinne keinen fo deut- lichen Begriff von wirkenden Kräften als die Reflexion über die Thätigkeiten unfers GA- ftes an die Hand geben. Denn da fich jede Kraft auf eine Thätigkeit bezieht, und es über- haupt fo viel wir willen zwei Arten von Thf« tigkeiten , das Decken und die Bewegung giebt . fo wolleu wir unterfuchen , woher wir die kläTfte Vorftellung von den Kräften diefer Thätigkeiten erhallen, 1) Von dem DenAen giebt uns die Körperwelt nicht die gerin-jfte Voiftellung; fie entlieht allein durch, die Re- fl xion. 2) Durch rüe Körper erhalten wit auch keinen Begriff von einem Anfange der Be- A 5 we*

6 Zweites Euch.

wegim», Ein ruhender Körper giebt uns kei- ne Vorftellung \ on einer thürigen Bewepun^s- krift, und wenn er in Bewegung gefezt wird, fo ift die Rpwegung in ihm mehr .ein Leidet» ah eine Th ä t i gkei t. Wenn die Billiardku- gel dem Stofse des Stahes mchgiebt, fo ver- hiilt fich die Kugel nicht thätig, fondern lei- dend; und wenn fie durch den Siofs eine andre im Wege liegende in B -wegung fetzt, fo theilt fie diefer nur die Bewegung mit, die fie wo anders empfangen hatte, und verliert fo viel davon, als de der andern mittheilet. Wir er- halten alfo nur einen dunkeln Begriff von ei- ner Bewegungskraft in dem Körper, weil er die Bewegung nur inittheilt, nicht anfangt, und diefes nicht den Anfang einer Thätigkeit fon- dern die Fortfetiung eine« leidenden Zuftandes in fich enthalt. Die Vorftellung von dem An- fan»e einer Bewegung erhalten wir nur allein, wenn wir über das, was in uns vorgehet, Te- flectiren. Denn die innerre Erfahrung lehrt uns, dafs wir durch ein blofses Wollen, durch, eine blofse Vorftellung runende Glieder des Körpers in Bewegung fetzen können. Die Wahrnehmung der Wirkungen in der Körper» weit fcheintmir alfo nur einen unvollkommnen, dunkeln Begriff von einer thärigen Kraft zu gewahren, weil fie uns in derfelben keine Kraft auf Weifet, welche eine Thätigkeit, es fey iJenfcen oder eine Be wegung, anlangt, Glaubt

aber

Ein und zwanzig/tes Kapitel. y

aber doch jemand in dem Stofse, mit welchem Körper auf einander wirken , fchon einen kla- ren Begriff von Kraft entdeckt zu haben, fo ftreitet das mit meinem Zweck gar nicht. Denn auch die Anfchauung ift eine von den Quellen, woraus der Verftand feine Begriffe gewinnet. Nur fchien mir die Unterfuchung, ob nicht der Verftand durch die Reflexion einen klärern Be- griff von der thätigen Kraft als durch die An- fchauung erhalte, kein der Aufmerkfamkeit unwürdiger Gegenstand zu feyn,

§• 5-

Verftand und Wille find zwei Kräfte.

So viel ift zum wenigften einleuchtend, dafs wir in uns ein Vermögen finden, verfcbic- dene geiftige Handlungen und Bewegungen des Körpers anzufangen, zu unterlaffen ; fortzu- fetzen und abzubrechen, und zwar durch die bloTse Vorftsllung oder Wahl des vorftellen- den Subjects, wodurch die Vollbringung oder UnterlalTung der Handlung gleichfam vorge- fchrieben wird. Diefes Vermögen der Seele, in einem beftimmten Falle die Aufmerkfamkeit auf eine Vorftellung zu lenken oder abzuziehen, die Bewegung eines Theils des Körpers der Ruhe, oder diefe jener vorzuziehen, ift der Wille, Die wirkliche Ausübung deffelben, A 4 durch

3 Zweite» Biuh.

durch die BpPimmung zu einer Handlung oder ihrer (JnterlaüuDij heif^t das Wollen, Will- kübrlich heifsr -ie Handlung, welche zu- fol je der Vorfchrift des Gemüths gethan oder un'erlafleu wird; un w il 1 k ü h rl i eh aber, wenn he ohne eine folche beftirnmende Vor- ftellun^ zur Wirklichkeit kommt. Das Ver- mögen wahrzunehmen ift der Veiftaiad. Das Wahrnehmen als Handlung des Verftandes ift too dreierlei Art; I) das Wahrnehmen der VoTitelliin*e': ; 2) da» Wahrnehmen der Bedeu- tungen der Gedankenzeichen ; 3) das Wahrneh- men der Verknüpfung oder des Widerfpruchs, der Uebereinftirnrnung oder Nichtübereinfijm- muijg der Vorftellungen, Alle diefe Wirkun- gen werden dem Verftande oder dem Vorftel- lungsvermögen beigelegt; das Denken begreift aber nach dem Sprachgebrauche nur die bei- den letzten.

§. 6.

Seelenkräfte.

Das Vorftellungs- und das Willensvermo- gen der S.:ele werden gewöhnlich mit einem Ausdrucke, S e elenk fte bezeichnet, der immer paflend genug ift, wenn er nur nicht fo gebaucht wird, dafs er Verwirrung und (was wohl hier wirklich der Fall feyn möchte) deu Wahn veranlafst, ab wenn dadurch ein realc'6 Wefcn in der Seele angezeigt würde,

wel-

Ein und zwanzigßes Kapitel. 9

welches diefp Handlungen verrichtete. Wenn man fagt: der Wille ift die oberfte und beftira- inende Kraft der Seele; fie ift frei oder nicht frei, fie benimmt die niedern Kraft«, fie folgt der Vorfchrift der Vernunft: fo mögen diefe und ähnliche Ausdrücke zwar für diejenigen einen beftim raten und deutlichen Sinn haben, welche ihre eignenBegriffe fcharf unterfcheiden, und ihre Gedanken mehr nach der Evidenz der Dinge als dem Schalle der Worte beftimmen. Allein ich befürchte doch> dafs der Ausdruck Seelenkräfte bei manchen i\en verwirrten Be- griff von mehreren verfchiedenen handelnden Wefen in uns erzeugt hat, die vermiedene Wirkungskreife und Rechtsanfprüche hätten; von denen eins Gefetze gäbe, das andre fie befolgte, und das dritte fie ausübte. Diefer Wahn hat nicht wenig Dunkelheit, Verwirruag und Zänkereien in der Unterfuchung diefer Gegenftände veranlagt,

?♦ %

Begriff von Freiheit und Entfte> hang deffelben.

Jeder Menfch muTs unßreitig ein Vermögen,

verschiedene Thätigkeiten anzufangen oder zu

unteilafien, fortzufetzen oder zu unterbrechen,

in fernem Innern entdecken. In der Betrach-

A 5 tung

o Zweites Buch.

lei Vnita< gs diefes Vermögens der S«ele

inenfciiltehe Handlungen liegt der Grund

der. Begriffe tob Freiheit und Nothwen*

djgkeit,

$. 8.

Alle Thäti«keüen, die wir kennenl laffen fich. wie wir fclio.) gefaxt haben, auf zwei Arten, pehinlich auf d3i Denken und die Bewegung zuiückführen. Infofern nun der Menlch das Vermögen hat, nach eigner Wahl und Beftim- nmng zu decken und nicht zu denken, Geh zu bewegen oder nicht zu bewegen, infbfern i(t er frei. V\ o die Vollbringung oder Unterlaf- fung einer Handlung nicht in gleichem Grade in der Gewalt des Menfchen (lebet, ein Thun oder Nichtthun nicht, das eine wie das andre, auf die beftimmende Wahl der Seele erfolgt, da ift er nicht frei, aber die Handlung kann noch immer willkührlich feyn. Der Begriff der Freiheit ift alfo der Begriff von dem Vermögen eines handelnden Wefens, eine be- ftiimnte Handlung zu thun, oder zu unterlaf- fen, der Vorttellung od^r der Beftimmung der Seeh? gemäfs , wodurch das eine dein andern vorgezogen wird. Wo das eine oder das am dere nicht in der Macht des handelnden We- fens ftehet, und nicht durch fein Wollen her- vor«

Ein und zwanzigstes Kapitel. H

vorgebracht wird, da ift keine Freiheit, fondern das handelnde.Wefen fti'hpt unter dem Gefetz der Nothwendigkei t.*) Freiheit ift alfo nicht möglich, wo kein Denken, Wollen, und kein Wille ift, aber das Denken und Wol- len , und der Wille kann ohne Freiheit feyn» Ein kleine«; Nachdenken über ein oder zwei bekannte Falle wird das klarer machen,

$- 9*

*) Man darf in der folgenden weitläufigen Abhand- lung nicht erwarten , dafs Locke zur Auflöfung der Schwierigkeiten in der Lehre von der menfchlichen Freiheit etwas beitrage. Er be- frachtet die Freiheit eigentlich nur in pfycholo- gifcher Hinlicht, al* das Vermögen der Seele, iich durch Vorftellungeu zur Ilervororingung oder Nichthervorbringung einer Handlung zu beftimraen. Der Wille ift gleich fam die wirk- liche Aeufserung jenes VWpäögens > wodurch, die unbeftimmte Möglichkeit iich zu einer Hand- limg oder ihrem Gegentheil zu entfcbli«fsen in Wirklichkeit verwandelt wird. Daher betrach- tet Lo' ke die Freiheit als ganz unvereinbar mit dem Willen. Der Wille wird durch d.is Begeh- ren, welches durch die Vernunft modiiicirt i(t, beftimmt * §• 7*. Es ift alfo hier nur von der comparativen oder pfychologifchrn Freiheit die Rede, auf welche die iin.ere Wahrnehmung leitet, aber nicht von der abfoluten moralifcnen Freiheit, welche die Vernunft um des mibe, dingten Sollens wegen, welches mit dem Sit- tengefetz verbunden ift, annehmen mufs.

H Zweites Buch.

§ 9-

Fin Ha!! wird r;ir keiu .'r-^andelnde? We- fen »ehalten , t-r ruhe o.ler bewege fich durch d Schi g »Ines Rdckets und zwar, aus keiner »ri lei i '.'.'fache, als weil m;in glaubt, er könne ht lenken oder Wollen, und daher auch nicht ieWegung der Ruhe oder di'("e jener vorzie- hen; beide ' eränderungen desBalls gehören un- ter den Begriff (ier NrjlbWendigkeit. Wenn ein JVleofch in di* WafTer fallt, indem die Knicke unter ihm eirjOürzt, !o ift er darin kein frt-ihan- delndes Wcfen; denn ob er glrich den Willen hat, nicht in das Waller zu fallen, fo fiehet doch die Umerlaffuug diefer Bewegung nicht in feiner Gewalt; und fein Wollen hat keinen Emfluls auf das Aufhören derftdben. Eben fo ift es, wenn ein Menfch durch eine konvulfivi- fche Bewegung fieb oder feinen Freund fchlägt j es fteht nicht bei ihm, durch feinen Willen oder die Beftlni mim» feiner Seele diefe Bewe- gung zu unte>!aiTen, oder aufzuheben. Nie- , m >nd legt ihm in diefem Fdls Freiheit bei; jeder bemitleidet ihn als einen, der aus Zwang Mnd FsotUwendigkcit handelt.

§. 10. Die Freiheit gehet den Willen nicht an.

Man detike fich noch einen andern Fall. Ein JMenfcU wird fchlafcud in ein Zimmer ge- bracht

Ein und zw-nzigfies Kapitel. l5

bracht, wo Geh einePerfon befindet, die er zu fehen und zu fpTechen feunlichrt wünfehte, und roeirgefchk flen. dafs es nicht in feiner Ge- walt ftehet hinauszugehen. Er erwacht , freuet fich , in einer fo erwüniebteu Gefell- fchaft zu feyn , und bleibt fehr gerne da, d, i. er ziehet das Bleiben dem Weggehen vor* llt fein Bleiben nicht eine Handlung feines Willens? daran zweifelt wohl niemand. Da er aber eingefrhloüeii ift, fo hat er offenbar nicht die Freiheit, nicht zu bleiben oder zu gehen. Die Freiheit ift alfo kein Merk- mal des Willens, oder des Vermögens zu wählen, fondem der Perfon, welche das Vermögen hat, zuhandelnund nicht zu handeln, nachdem die Vernu. ft cas eine oder das andre befiiramt oder wählet, to Weit diefes Vermögen reicht, fo wejU«rftreckt fich auch der Urnfang de B - '5 vo. F eih. .r, Wo tjie Aeufseruii^, ueffeiben gehemmt, oder durch Zwang die unbeftiinrnte Möglichkeit einet Handlung und ihres Gegentheils aufgehoben iß, da rft diu h keine Freiheit und keine AuW^dung da üegnüi ftdtthaft.

§• II. Das W i 1 1 k ü h r 1 i c h e i ft d e m U n w i 1 1- kührlichen aber nicht dem Not h- w endigen entgegengefetzt.

Hiervon haben wir Belege genug, und

felbfl

I/| Zweit« Buch.

felbft' an unTerm Körper. Das Herz fthlngf» dns Filut cirkuliret, kein Gedanke, keire Wil« len-harjdlung kann es hemmen. In Rückficht auf diefe Bewegung ift der Menfch nicht frei, weil das Gegentheil derfelben nicht von feiner Wahl abhiinet, und wenn er es wollte, doch nicht durch die Beftimmung feiner Seele wirk- lich werden würde. In der fonderbaren Krankheit, dem Veitstanze, bewegen lieh die Füfse des Kranken convulfivifch , dafs ergän- zen mufs, er mag wollen oder .nicht, und er kann durch keinen Einflufs feiner Vorftellungen die Bewegung hindern. Ein lolcher Wunfeh hat bei diefer Handlung keine Freiheit > er ift unter dem Gebiet der Notwendigkeit, wie ein Stein der fällt, Wie ein Bali , der durch das Kacket fortgetrieben wird. Auf der andern Seite wird die Ausführung des Vorfatzes, den Körper an einen andern Ort zu bewegen, ge- hindert , wenn ein Menfch die Gicht hat oder in Feffeln gelegt ift. In diefen Fällen Fehlet die Freiheit; aber das Stillfitzen felbft des Gichtkranken ift noch immer eine Willenshand« lung, wenn es dem Herumgehen vorgezogen wird. D as Wil 1 kür liehe ftehet alfo nicht dem Not h wendigen fondern nur dem 1\ icht will hr lieh enen tgegen. Denn ein Menfch kann feine Handlung einer andern nicht möglichen, oder feinen jetzigen Zufland dem Nichtdafeyn oder der Veränderung deffel-

ben

Ein und zwanzigfies Kapitel. l£»

ben vorziehen, Tollte auch die Nothwendig- keit alle Veränderung dabei unmöglich gemacht haben*

Was Freiheit i ft.

Wie es Geh mit den Bewegungen des Kör- pers, fo verhält es lieh auch mit den Vorfteihin- gen. In Rückficht derfelben Gnd wir nur da frei» wo wir eine Vorftellunc nach eigner Be- ftimmung ergreifen, oder inrückweifen kön* üen. Da ein Menfch in dem wachenden Zu- ftande immer einige \ o: fieUurgeii in dem Be- wut'stfeyn haben mufs -, fo hat er eben fo wenig Freiheit , ob er denken oder nicht denken will* als ob fein Körper einen ändert! berüh- ien oder nicht berühren foll. Aber er hat zuweilen die Wahl, ob er feine Aufmerkfam- keit von einem Gedanken ab* auf den andern richten will , und in Rücklicht dieser Vorftel- lungen ift er frei, to wie in Anfehung der Kör* per. aufweichen er ruht, die er nach Wiilkühr verändern kann. Es giebt aber gewifle Vor- sehungen , fo wie einige Bewegungen des Körpers, welche unter gewillen Umftänden unvermeidlich find, und durch keine, auch die gröfste Anftrengung nicht abgewendet werden, können. Ein Menfch auf der FobeT bat nkln die Freiheit, die Empfindung des Schmerzes zu un- ter-

IjS Zweites Buch.

terdn'icken , und (ich mit andern Betrachtun- gen zu zerftreuen. Zuweilen reifst eine ftiir- ni'ihe Leider.fchaft unfere Gedanken fort, wie ein Orkan unfere Körper, ohne uns die Freiheit zu laflen , an einen andern Gegen, fhnd zu denken , den wir eher wählen füll- ten. Soh-dd aber ein Menfch wieder fo viel Gewdl über Och erhält, dafs er eine äuff re Bewegung des Körpers, oder eine Vorftellung in feinem Innern durch die Vorftellung des BeiTerfeyns aufhalten oder fortfetzen, anfangen oder uuterlalTen kann , fo betrachten wir ihn auch wieder als ein freihandelndes Wefen.

§• 33-

Wo das Denken ganz und gar oder das Vermögen, fich durch das Denken zum Handeln oder Nichthandeln zu beftimmen, fehlet, da rindet Not h wendigkeit ftatt, Sie heifst bei einem Wefen, das der Willensbeftiramung fähig ift, Zwang, wenn der Anfang oder die Fortsetzung einer Handlung gegen eigne Wahl und Ueberzengung lauft; Einfchränkung, ■wenn die Veihinderung oder Hemmung einer Handlung mit feinem Wollen ftreitet. Wefen, die des Denkens und Wollens völlig beraubt find, und in jeder Kückficht noth wendig (pbyfifcn) wirkende Wefen.

Ein und zvr.ir.zigftes Kapitel, 17

Wenn dieses richtig ift. wie es mir fcheint, fo ftelle ich den L. f< :r» anheim ob es nicht dazu dienen kann, eine Streitfrage zu beendi- gen , welche fcbon fo lange Zeit den Denkern zu fcli-ffen machte, unti, wie mir dünkt, r.icht vernünftig ift. weil fte nicht denkbar ift, die Frage nehmlirh: ob der rnenfchliche Wille frei fe y oder nicht. Denn, wenn ich mich nicht irre, fo folgt aus dem Gefügten, dafs die Frage ganz i mtattbaft ift, und fo weoigzu bedeuten bat. al die: ob der Schlaf des Menfchen fchneh, oder feine Tugend vierek- kigt ift. Die Fteibeit lülst fifch fo wenig mit dem Willen als die Gefchwindigkeit der Bewe- gung mit dem Schlafe, oder die viereckige Figur mit der Tugend zufammendenken. Ue- berdiß Ungereimtheit der letztem Fragen lacht Jedermann, weil die Unvereinbarkeit der Vor-' Teilungen einleuchtend ift. Uh'tl über die er- llere wird man nicht anders urtheilen , wenn man nach reiflicher Unterfuchong eingefehen hat, dafs die Freiheit, ab ein bloßes Vermö- gen; nur ailein dem handelnden Subjente zu- kommen, und nicht für eine Jfii^enfchaft oder IModification des Willens , der auch nur ein Vermögen ift, gehalten '.Verden kann.

Locke's. H. Tteft B $»'*$,

8i Zweites Buch.

§. I*

Von dem Wollen.

Es ift änfferft fchwer, die innern Handlun- gen des Gemü'hs durch klare Begriffe zu erklä xen, und fie durch Worte auszudtücken , und ich mufs d^her die Lefer erinnern , dafs die Ausdrücke, Vorrchreiben, Anordnen, Wählen, Vorziehen, keinesweges das Wollen deutlich genug darfteilen, woferne fie nicht felbft darüber reflectiren , was fie bei dem Wollen thun. Der Ausdruck Vorzie- hen fcheint die Willenshandlung noch am be- ften auszudrücken, und beftimmt fie doch nicht fcharf genug. Es ift möglich, dafs ein Menfch das Fliegen dem Gehen vorzieht; aber kann man wohl Tagen : er wi 1 1 es? Das Wol- len ift offenbar eine Thätigkeit des Gemülhts, wodurch es mit Befonnenbeit die Herrfchaft äuffert, die es über etwas in dem Menfthr>n fich verfchaft hat, um dadurch eine Handlung zu vollbringen oder zu verhindern. Und Was ift der Wdle anders als die Kraft diefes zu thun? Ift aber diefe Kraft wirklich etwas mehr als ein Vermögen, und zwar der Seele, ihre Gedanken zur HervO'bringung , For fet/ung oder Unterbrechung einer Handlung zu befttm. inen, iu!o^ern das von uns abhängt? Kann in im wohl laugneu , da s ein wirkendes Wefen, verfehen mit dem Vermögen über feine Hand-

lun-

Ein und zwanzigftes Kapitel. ig

hingen nachzudenken un 1 ihre Ausübung oder Unterteilung zu beVhliefsen , diefes Vermögen des Willens befitze? Der Wille ift alfo nichts anders als diefes Vermögen. Die Freiheit ift auf der andern Seite das Vermögen des Men- fchen, (ich zur Vollbringuiig einer Handlung zu beftimmen oder nicht zu beftimmen, je nach- dem die Ausübung oder die Unterlaifung der- felben wirklich in der Seele vorgezogen wor- den, oder, mit andern Worten, je nachdem lie das eine oder das andere will.

$. 16.

Die verfchiedenen Vermögen ge- hören dem handelnden Subjec- te an.

Es ift alfo einleuchtend, dafs der Wille nichts anders ili, als ein Vermögen oder eine Fä- higkeit, und dafs die F r e i h e i t ein andres Ver- mögen ift. Die Frage; ob der Wille frei fey, heifst alfo mit andern Worten fo viel als: ob ein Vermögen ein andres, eine Fähig- keit eine andre Fähigkeit befitzt, eine Frage, deren Ungereimtheit zu fehr in die Augen fällt, als dafs Ge eine Antwort oder Unterteil- ung verdiente, Wer flehet nicht ein , dafs Vermögen nur handelnden Wefen angehören, nur Eigen fchaften der Subftanzen nicht anderer Vermögen find? Wer die Frage auf« B 2 ftellt;

20 Zweites Buch,

ftel't: ob der Wille frei fey, fragt In der That nicht» anders als: ob der Wille eico Subftanz, ein handelndes Wefen fey ? oder fetzt das weni^flens voraus, da die Freiheit nur einer Subfhuz beigelegt werden kann. Wrenn die Freiheit in einer beftimmten Bedeu- tung einem Vermögen beigelegt werden kann, fo ift a das Vermögen des Menfchen durch eine Wahl eine Bewegung in einem Theile feines Leibes hervorzubringen, oder zu uuter- laflenf das ift aber eben das, weswegen man den Menfchen frei nennt , ift die Freiheit felbft. Und wer noch fragen könnte, ob die Freiheit frei fey, von dem würde man mit Recht urthei- len , er wiffe nicht, was er fchwatze und ver- diene nicht weniger mit Midas Ohren geziert tu werden, aL einer der fragen wollte: ob der Reichthum felbft reich fey.

$• 17*

Man kann zwar das Ungereimte des Ausdrucks Kraft CFaculty,) wodurch man das Willens.- vermögen bezeichnete, und welches Veranlaf- fung g.b, von demfelben als einem für fich be- gehenden handelnden Welen zu reden, durch eine gewiffe WTendung , die den wahren Sinn aus den Augen rückt, einigennaafsen verbergen* Allein der "\\ ilie b beutet in Wahrheit nur ein Vermögen , eine Fähigkeit zu wählen oder vorzuziehen. Und in diefer Ilückucht leuch- tet

Ein und zwanzigfi.es Kapitel. 21

tet es von felbft ein , wie ungereimt es ift, dernfelben Freiheit beizulegen. Wenn es ver, nünflig ift , Kräfte als für fich beftehende Hin- ge anzunehmen , welche wirken können (wie r.ian unter andern fagt, der Wille beftimme, der Wille fey frei), fo darf man auch eine Kraft zum Sprechen, Gehen, Tanzen anneh- men , wodurch diefe Wirkungen als gewiffe Modifioatjouen der Bewegungen hervorge- bracht werden, fo wie man den Verftänd und den Willen als Kräfte betrachtet , welche das Vorftellen und Wählen, als Modificationen des Denkens , hervorbringen. Dann kann man eben io richtig fagen : die Kraft zum Singen finget, die Kraft zum lenzen tanzet, als der Wille wählet, der Verftänd denket; die Kraft zu reden beftirnmt die Kr*ft zum Singen und diefe ift der erften gchorfam oder un^ehorTam., als der. Wille beftimnu den Verftänd, der Ver- ftänd befolgt den Willen oder befolget ihn nicht,

§. 18.

Gleichwohl haben diefe Ausdrücke allge- meinen Eingang gefunden , zugleich aber auch grofse Verwirrung geftiitet. Denn alles jenes lind verfchiedene Vermögen der Seele oder des ÄJenfchen auf verfchiedene Art zu wirken, nnd er äuffert f;e, jenachdem er es für gut hält, Aber kein Vermögen wirkt auf das ß 3 an-

22 Zweites Buch.

andere; das Vermögen zu wühlen nicht auf dav Vermögen zu denken, oder umgekehrt, noch das Vermögen zu tanzen auf das Vermögen zu fingen, oder umgekehrt. Und doch drückt man fich gewöhnlich fo aus; der Wille wirke auf den Verftand , oder der Verftand auf den Willen,

§. 19.

Ich will gar nicht läugnen , dafs ein Ge- danke Veranlaffung zu einer Willensbandlung geben, und diele das Nachdenken über einen beftitnmteu Gegenfland veranLfien kann. Eben fo kann der Gelang einer gewiflen Melodie mit einem gewilTen Tanz, und ein Tanz von einer Art mit einem Gefange in Verbindung flehen. Aber in allen diefen Fällen wirkt kein Vermö- gen auf «las andre. Es ift die S.'cle, die wir- ket und diele Vermögen ausübt ; es ift der Mönrch. der die Handlung ausübt, er befitzt das Vermögen oder die Fähigkeit zu der be" ftimmten Handlung. Das Vermögen flehet in Beziehung auf das handelnde S u b- jeet, aber es ift diefes nicht felbft. Das Su b- jeet, welches das Vermögen zu wir- ken oder nicht zu wirken be fitzt, k an n alle in fr ei od er nicht fre i fey n, aber nicht das Vermögen, Die Freiheit kommt nur demjenigen zu, was ein Vermögen zu wirken h^r.

§- 20.

Ein und zwanzigftes Kapitel. 23

§. 20,

Alle (liefe Vorftellungsarten find dadurch veraniafst worden, dafs man den Kräften bei- legte, was ihnen nicht zukommt. Die Ein- führung und der häufige Gebrauch diefes Be- griffs in der Seelenlehre und Armeikunde hat unfre Erkenntnifs von der Natur unfers SeJbft und unfers Körpers wenig befördert. Ich läugne nicht das Dafeyn von Kräften fo- vrohl in der Seele als in dem Körper, Beide würden nicht wirken, wenn fie nicht gewiffe Vermögen dazu hätte". Denn kein Wefen. kann wirken, wenn es nicht fähig dazu ift, und es ift nicht fähig, wenn es kein Vermögen befitzt. Ich läpgue auch nicht, dafs diefe und ähnliche Worte, da fie einmal in Umlauf gekommen Gnd, in dem Sprachgebrauche ih- re Stelle behalten muffen. Sie ganz abfchaffen wollen, würde nur zu fehr Ziererei verrathen. Und felbft die Philofophie, fo wenig Ce ein üppiges Gewand liebet, raufs doch, wenn fie vor dem Publikum auftritt, fo viel als es mit der Wahrheit und Deutlichkeit beftehen kann, 2u gefallen fuchen , und fich in die Mode und Sprache des Volkes kleiden. Man begieng nur dabei den einzigen Fehler, dafs man von den Kräften fo fprach, als wären fie eben fo viel befonders wirkende Wefen. Denn wenn man fragte: was ift es , das macht, dafs die Spei- B 4 fen

»4- Zweiirs Buch,.

Ten in demMasen verdauet, d^fs etwas aus dem Körper ausgelühre< wird, und da/s lieh etwis b-weget, fo beg' ügte m in fich mit der leich- ten Antwort: e> fei die Verdauungs- die Aus- ; Iriings und Bewegkraft. Und fo Tagte man auch in Ansehung der Seele: die Denkkrdfß oder der verltand denket die Willenskraft will oder gebietet. Das ifr. mit andern Worten fo viel als: das Vermögen zu verdauen ver- dauet , das Vermögen zu denken denket« Denn Kraft, Fähigkeit, Vermögen find nu* vrrfchiedene Ausdrücke für eine und diefelbe Spi.he, Jene Sätxe, auf eine verftändliclure Weife ausgedrückt, bedeuten aTo nuT fo viel: die Verdauung, die Bewegung, das Denken wird durch etwas verrichtet, was die Fähigkeit zum Verdauen, zum Bewegen und zum DenA ken hat. Und das kann auch wohl nicht an« ders (Vyn , fo wie der Menfch ohne ein Ver* tnögnn der Freiheit nicht frei feyn kann.

Die Freiheit gehört dem handeir- den Wefen oder dem Menfchen nicht dem Willen an»

Doch wir kehren wieder zu unfrer Unter» [uchung über die Freiheit zurück. Die Frage ift eigentlich nicht, ob der Wille, fondern

ob der Menfch frei ift. Ich bemerke er ft-

lieh

Ein lind zwanzigfiej "Kinkel. %h

lieh, dafs ein Menfch fo weit frei ift, als er durch die Beftimmung oder Wahl feiner Seele, welche die Wirklichkeit einer Handlung der JSichtwirklichkeit oder diefe jener vorzieht» bewirken kann , dafs die felbe wirklich oder nicht wirklich werde , z. B. den Finger in ße« wegung zu fetzen , wenn er ruhet oder umge» kehrt ihn wieder ruhen zu laffen , Worte aus- zufprechen oder zu fchweigen. So weit a I fo das Vermögen zu handeln oder nicht zu handeln zufolge der Beftiminung des Denkens, welche das eine oder das andere verzieht, rei c[h t i n f Q f e r n ift ein Menfch frei. Denn läfst Heb wohl oine größere Freiheit detken, als dt$ Vermö- gen zu thun was man wi'l? Man kann aber thun was man will, wenn man dadurch, dafs man' einem Handeln oder Nicht handeln den Vor« zug giebt, das eine odrr das andere wirklich macht. Denn Wollen heifst, eine Handlung dem Nichtdaftyn detfeiben vorziehen in Rückficht auf die Handlungen , welche in dem Gebiete diefes Vermögens liefen, fcheint aiio der Menfch fo frei zu f"eyn, als er es durch die Freiheit cur immer feyn kann,

§. 22,

Allein das befriediget noch nicht] den Un-

terfuchungseeift des Menfchen, der von fich

alle Gedanken einer Schuld, fo weit als mög*

B 5 hch

26 Zweites Buch.

lieh, entfernen will, und Tollte es auch dadurch gcfciienen, dafs er fich in einen fchliininera Zuftafld als einer blinden Notwendigkeit ver- letzte. Eine Freiheit, welche nicht inehr als das in'' fich beg"ift, fcheint nich* des Na- mens Werth zu leyn; und man betrachtet es als ein'- gute Ausfließt, dein Menfch en alle F i- heit äbzü Tprectie n , weil er nicht fo t r *- i ift, zu wollen, als zu thun was er will. M.m hat daher in Beziehung auf die Freiheit auch di« Frage aufgeworfen: ob der Menfch Freiheit des Willens befiue? Diefes ift wo il der Sinn der Sireilfrage, ob der Wille frei ley.

$. 23.

Ich denke darüber fo. Das Wollen ift eine Handlung. Die Freiheit beliebet aber in ei- nem Vermögen tu handeln oder nicht zu han- deln. Ein Menfch kann alfo in A n fe- il u n g des W o 1 lens oder der Willens- h .. .i d i u n g nicht frei l'eyn, wenn fich der Verftand einmal eine Handlung, die in feinet Gewalt (lebet, als etwas, das fo gleich a usg ef ü h r t w er d en in u fsi vorge (teilt hat' Der Grund davon liegt vor Augen. Denn da eine Handlung, welche von feinem Willen abbangt , unvermeidlich entweder wirklich oder nicht wirklich werden nmfs, und da das eine fowohl als das andere

auf

Ein und zvranzigftes Kapitel. aj

auf die Beftimmung und Wahl feines Willens regelmäfsig erfolget, fo ift es für ihn fchlech- terdings nothwendig, das eine oder das andere zn wollen, d. i. eines dem andern vorzuzie- hen, weil eines von beiden nothwendi^ folgen inufs; und was erfolgt das erfolgt durch die Wahl und Beftimmung feines, Geiftes , das ift, durch fein Wollen: denn wollte er es nicht, fo würde es auch nicht zur Wirklichkeit kom- men. In Rück ficht auf die Willenshandlung bar; alfo ein Menfch in einein folchen Fall keine Freiheit; denn das Vermögen zu handeln oder, nicht iu handeln, worin die Freiheit bellehr, findet bei dem Wollen nicht ftatt. Es ift unver meidlich noth wendig, die Vollbringung oder UnterlafTung einer Handlung, die in der Ge- walt des Menfchen ftehet, vortuziehen, wenn fie einmal befchioflen ; und man mufs das eine erder das andere nothwendig wollen, und hier- auf folgt die Handlung oder die UnterlafTung derfelbtn wirklich und zwar ganz willkühriicb» Das Wollen ift alfo der Nothwendigkeit unter- worfen, und in An^ehiiug deflen hat der Menfch keine Freiheit; fonft müfste Freiheit und Noth wendigkeit beifainmen beftehen , und der MenCch zugleich frei und nicht frei feyn können.

Es ift alfo einleuchtend, dafs der Menfch in dem Augenblick, da er fich eine Handlung

%or-

?8 Zweites Buch.

vorfet't, keine Freiheit hat, zu »vol- le n o d e r nicht zu w o 1 e n , weil das XV o i 1 e ; b fti i int und unvermeidlich i ll. Wenn eiu Mendel) ftüle fitzt, fo ift er doch m»ch frei, infoftrn er £e*hen kann, wenn er will, er ift nicht frei , wenn er nicht das Vc*~ iri) en hat fi'cb zu bewegen, fo wie einer, der von einer fteiien Höhe herabftürzt , weil er diele Bewegung nicht aufhalten kann, wenn er gleich wollte. Diefes vorausgefetzt, i(t es offenbar, dafs ein lUsnlch, der gehet, wenn er Geh vorgefetzt hat nicht mehr zu gehen, kei- ne Fieiheit mehr hat. fich zu dem Gehen oder Nichtgehen zu entfchlieilen« Zu dem eine» o U t a in! ein niul's er (ich nothwendig beftimmen. So verhält e^ fich mit allen andern Handlun- gen die in unfrer Gewalt find, wenn einmal eiu Entfchlufs gelafst ift. Von diefer Art lind die in eifteti luenfchiicheo Handlungen, Dem: unter der giafsen Anzahl willkührlicher Hand- - Jungen , welche während des ganzen l ebens im wachenden Zufrand je en Augenblick auf einander folgen, find nur wenige, weh he voi der Vollzienung überdacht und dem Willen vorgehalten werden. Bei allen diefsn Hand- lungen hat das Gemüth in Anfehung des Woi- lens kein Vermögen zu wirken oder nicht zu wirken, alfo auch keine Freiheit; denn es fohlt an dem Vermögen, die Willenshandlung zn untei;:»ffen ; es tnufs in Anfehung derfelben

et

Ein und zwanzigfies Kapitel, 29

etwas befti.nmen die Ueberlegung fey noch to kurz, der Gedanke fb fchnell, fie lauen den Meuteren entweder in dem Zuitand vor dem Denken, oder verändern ihn, fie beftimruen das Geinüth entweder zur Fortfetzung oder zur Umerldilupg der Handlung» Das Geinüth, entCchüefst lieh alfo offenbar eius vorzuziehen, und das andre nachzufefzen , und die Förtfetz.- ung oder Unterbrechung einer Handlung dann willkünrlicu aber unvermeidlich.

So viel ift alfo klar, dafs der Menfch in den meiften Fällen keine Freiheit hat, zu wol- len oder rieht zu wollen. Näcbft diefem ent- fteht aber die Frage: Ob der MenTch die Freiheit hab.e, das zu wollen, was ihm von zwei Dingen gefällt, z, B. Ru- he oder Bewegung, eine Frage, die zu offenbare Ungereimtheiten enthält , als dafs fie nicht die Ueberzeugung herbeiführen füllte, dafs die Freiheit den Willen nichts angehet. Denn fie heifst foviel als: ob ein Menfch wol- len kann, was er will, oder ob ihm das gefal- len kann, was ihm gefällt. Die Fja;e bedarf wohl keiner Antwort. Wer aber fo fragen kann, mufs einen Willen vorausferzen, der die Handlung diefes Willens, und einen andern, der wieder jenen und fo ins Unendliche, be- ftitnmr.

26,

30 Zweites Bucli.

§• 26.

Zur Vermeidung diefer und andrer Unge- reimtheiten ift nichts fo nüt7.1ich, als die Be- griffe von dem Gcgenftande einer Untersuchung genau zu beftimmen. Halte man immer die Bp^rifFe von der Freiheit und dem Wollen feft- gefetzt, und zu allen Streitigkeiten über dieTe Gtge '^iinde mitgebracht, fo würde unftreiiig ein grqfser Theil der Schwierigkeiten , welche die Menfchen bei ihrem Denken verwirren, leichter aufgelöfst, und der Punc! u^ld entdeckt •werden, wo die unentwickelte Bedeutung der Worte, oder die Natur des Gegenftandes die Duukelheit verurfacht,

§. 27. 2g. 29.

Man erinnere fich daher immer an folgen- de lJ unkte. Erftlich, die Freiheit he- fte ht in der Abhängigkeit der Wirk- lichkeit oder Nicht Wirklichkeit ei- ne r H a n dl u n g von dem Wollen, aber nicht in der Anhangigkeit einer Handlung oder ihres* Gegentheils \ o n unfrer Wahl. Em Menfch, der auf einer Klippe ftehet, hat die Freiheit zwanzig Klaftern abwärts zu fpringen , nicht weil er das Vermögen hat, die entgegengeletzte Hand- lung zu thun , d, i. zwanzig Klaftern in die Ho- he zu fpiingen, denn das ift unmöglich; lon-

dein

Ein und zwanzigßcs Eapitel. 3i

dem weil er das Vermögen h;t. zu rprin«:^n oitr nicht zu fpringen. Wenn ihn aher (ine gröffere Gewalt feft halt, o er hin'unterfmrzt, i'o hurt feine Fieiheit ai f, weil das J hun o 1er Nichtihun nicht mehr in feiner Gewalt ift. Ei» Gefangner in einem wohlverwahrten Zim- mer von 20 Fufs im Viereck, der auf der r.ördlichen Seite deffelben ift, hat die Fteiheit, 20 Fwfs füdwärts zu gehen, denn er hit das Vermögen, das zu thun , oder nicht zu thun. Aber darin ift er nicht trei, um in demfelben Augenblick 20 Futs nordwärts zu gehen« Die Freiheit beliehet alfo in dem Vermögen zu handeln oder nicht 211 handeln, nachdem .ran lieh durch den Willen zu dem einen o<ier i\en andern beftimtnt. Zweitens. Das Wol- len ift eine Handlung der Seele, indem f:e ihr Denken auf die Htrvo.bricgung einer Hand- lung richtet, und dadurch ihr Vermögen fie hervorzubringen äufserr« Man erlaube mir zur Erfparung vnn Worten, unter einer Hand- lung allezeit aach die Unterlailung einer vOr- gefetzten Handlung zu verliehen. Denn die Unterlaflung einer Handlung erfordert nicht weniger eine ßefthnmung des Wilieus, und hat oft eben fo wichtige Folgen als eine wiik- liihe Handlung; fie kann d^ner in dieler Kück- hcht gar wohl für eine Handlung gehen. Ich erinnere das nur, damit man mich nicht mifs- vsrltehe, wenn ich der Kürze Wegen mich fo

52 * Zweites Buch.

ausdrücke. Drittens. Du Will« ii\ Jas Vermögen der Seele, di« wirkenden Kräfte des Meufc'hen zur Thäiigkeit oder NichtthätigkeU zu beftimmen, infofern diefes von der Bcftim- mimg des Willens abhängt. Wenn man fragt: was bcflimmt den Willen? fo ift die einzig richtige um! paffende Antwort: die Seele: denn dasjenige, was das allgemeine Beliimmungs- vermögen zu diefer oder jener Richtung be- ftimmt ift nichts anders, als, das handelnde Subiect teibft, indem |es fein Vermögen auf diefe befondere An äußert. W7enn diefe Ant- wort nicht befriedigend ift, fo ift jene Fura- ge offenbar mit diefer gleichgeltend: was beilimmt die Seele in jedem befondern Fall, ihr allgemeines \ ermogen üch zu beftimmen auf diefe beftimmte Thätigkeit oder Nichtthä- tigkeit zu richten ? Hierauf antworte ich: der einzige Bewegungsgrund zur Fortfetzung des nehmlicheu Zuftandes oder derfelben ihä'ig- keit ift das damit verknüpfte Vergnügen. Zur A. nderung eines Zuftandes oder einer 1 hä- tigkeit kann uns aber nichts reitzen , als etwas Unangenehmes; Unluft ift öer giofse Bewe- gungsgrund, der auf die Seele wirkt, um fie rin Thätigkeit zu letzen, weh lies ich, der Kürze wegen, das lieftimmen de*. Willens nenne. Die- fes werde ich jett ausführlicher erklären, j

§• 30.

Ein und zwanzigftes Kapitel, 53

U n t e r f c h i d z w i feh en dem Wol- len und Begehren (Wiiiinfch e'n d e fi r e).

Diefer Unterfuchung miiiTen wir noch eine Betrachtung vorausschicken. Ich fuchte eben die W i ilen shan d 1 u n g durch die Aus- drücke Wählen, Vorziehen und ähnliche zu erklären, welche fowohl einen YVunfch als den Willen bezeichnen, weil ich keine andern Worte dazu fand. Da es aber eine fehr einfache Handlung ift , fo wird man fie immer beiTer durch die RefiexiOB auf das, was bei dem Wollen in dem Gemüthe vorgehet, als durch noch fo mannigfaltige Ausdrücke ken- nen lernen. Diefe Warnung, fich nicht durch Worte tänfchen zu lallen , welche den Unfer- fchied zwifchen dem Willen und andern Thä- tigkeiten des Gemüths nicht fcharf genug be- ftiiumen. fcheint defto nothwendiger zu feyn, da ich das Wollen oft mit andern Gemüthsbe- Üimmungen vorzüglich mit dem Wünfchen wnd Begehren fogar von denjenigen verwech. feit finde, welche fich hier Undeullichkeit in Begriffen und Ausdrücken nicht gerne möch- ten vorwerfen lalfen. Ein großer Theil der Dunkelheit und der Mifsverftändniffe in diefer Sache fcheint mir eine Folge diefer Wrwech- felung gewefen zu feyn ; um fo mehr mufs

Locke's. II Theil. C man

34 Zweites Buch.

man fie zu vermeiden fliehen. Wer fein« Aufmerkfamkeit auf die Veränderung richtet, welche in dem Geinöthe bei dem Wollen vor- geht, wird huderv, daTs der Wille ein Vermö- gen ift, das nichts anders zum ; Gegenstände hat, als die jedesmalige Beftimmung des Ge- iniiths, vermitteln welcher es durch das blofjft) Denken eine Handlung, die es in feiner Ge- walt zu haben meint, anzufangen, fortzuse- tzen oder abzubrechen ftrebt, Diefe Betrach- tung zeigt oöenbar, dafs der Wille ron dem Wunfche ganz verfchieden ift. Denn bei ei- ner und derfelben Handlung kann ein Wunfeh auf etwas g^nz anders gerichtet feyn , als der Wille. Eine Perfon verlangt von mir, ich füll eine andre zu etwas bereden, ich übernehme das Gefchäft , weil ich es nicht wohl abfehia- gen kann; aber indem ich Vorftellungen zu dem Ende thue, kann ich wünfehen, dafs fie keinen Eingang finden mögen. Mein Wille und mein Wunfeh find in diefem Falle offen- bar widerstreitend. Ich will die Handlung, welche auf einen gewifTen Punkt gerichtet ift, aber ein Wunfeh nimmt die ganz entgegen- gefetzte Richtung. Ein Menfch findet bei einem heftigen Anfa'l der Gicht in den Gliedern feinen Kopf erleichtert und den Mangel an Efslufl in feinem Magen gehoben j er wünfeht auch von den Schmerzen in den Händen und Füfsen befreiet zu feyn; denn wo Schmerz

ift,

Ein und zwanzigstes Kapitel, 23

ift, da ift auch ein Wunfch nach Entfernung' deffelben. Und doch beftimmt fich fein Wille zu keiner Handlung 1 die den Schmerz heben konnte« weil er befürchtet, die fcbä Jüchen Säfte möchten fich dadurch auf einen edler» Theil werfen. Das Wollen und das Be- kehren find alfo zwei ganz vetfchjedene Thätigkeiten des Gemüths , und der Wille, als das Vermögen zu wollen, mufs von dem Begehrungsvermügen unterfchieden werden.

Die Ünluft beftiramt den Willen.

Wir kehren jetzt zur Unterfuchnng , was den Willen in Rück ficht auf unfre Handlungen beftimmt, zurück. Nach ivied erholten Nachdenken bin ich überzeugt, dafs nicht die Ausficht auf ein grofferes Gut, wie man geglaubt hat; fondern dieUrlnft, vor- züglich wenn fie fehr ftark ift, den Willen von Zeit zu Zeit beftimmt i und zu Handlungen jeitzt. Die Unruft kann man, wie fie es auch ift, ein Verlangen nennen. Denn Verlan- gen ift Unbehaglichkeit des Geiftes, welche aus dem Bedihlnifs eines abwefenden Guts entfteht. Jede Art des körperlichen Schmerzes, jede Art der Beunruhigung des Gernülhs ift Unhiit, mit welcher ein Wunfch in gleichem Verb .,1t- nifs verknüpft» und kaum davon zu uoterfchei- G 2 den

-Jj Zweites Buch.

den ilt , und man kann daher die Unluft fo lan^e ein Verlausen nennen. bis jfnes Gut erlangt ift. Denn niemand fohlet ein«-n Schurerz, ohne in demfelben Verhältnifs zu wünff hen, von demfelben bt freiet zu werden, als der Schmerz empfunden wird. Aufler (lie- fern Verlangen nach Befreiung von Schmerz, giebt es noch ein andres, welches aus der Ab- wefenheit eines poGtiven Guts emfpringt. Auch hier flehet (las Verlangen und die Unluft in gleichem Verhältnifs ; in dem Grade man ein abwefendes Gut verlangt , in demselben leidet man für daflelbe. Aliein jedes abwefende Gut pflegt nicht eine Unluft zu erzeugen, welche mit feiner wirklichen oder rorgeftellten GröTse in gleichem Verhältnifs flehet, fo wie der Schmerz allezeit ein gleich ftarkes Verlangen hervorbringt. Denn der Mangel eines Guts erregt nicht allezeit Unluft, und kann daher ohne Verlangen betrachtet werden. Wo aber Verlangen ift, da ift auch UnbehagÜchkeit und beide flehen in gleichem Verhältnifs,

§ 32. (

Dals das Verlangen ein Zufland der Unluft ift, davon kann lieh jeder durch Selbftbeobach- tung überzeugen. Wer hat nicht in diefem Gernüth6znftande empfunden, was jener Weife von der HoftYung, die nicht lehr davon ver- fchieden ift, fagt: Eine fleh weiter entfer-

nende

Ein und zwanzigftes Kapitel. 39

nende Hoffnung macht das Herz krank. Je gröfser daß Verlangen ift, defto gröfser ifl auch die Unluft, ja diefe fteigt zuweilen bis a if den Grad, d^fs fie ähnliche leiden fchifiliche Ausdrücke als jener wjr : gieb mir Kinder, oler ich fterbe, ausprefst. Das Leben mit allem feinen Genufs wird dann felbft zuweilen zu einer Laft , die man unter dem fortdauern- den Druck der Unluft nicht langer ertragen mag.

§♦ 05.

Gutes und EöTcs, gegenwärtiges und abwe- fenrles wirken zwar auf das Gemüth ; aber doch, wird der Wille zu wiükührlichen Hand- lungen unmittelbar nur durch, die Unluft be- ftimmt, welche mit einem auf die Abwesenheit eines Guts, theils eines negativen (Befreiung von Schmerz), theils eines pofitiven (Genufs eines Vergnügens) gerichteten Verlangen ver* knüpft ift. Ich werde durch die Erfahrung und durch objeetive G.ünde zeigen , dafs die Unluft dtn Willen zu den fuccefnven willkür- lichen Handlungen beftinamt , welche den gröfsten Theil des menfchlichen Lebens aus- machen , und uns auf verfchiedenen Wegen verfchiedenen Zwecken entgegenführen.

C 3 $.34

3t Zweites Buch.

§• 54.

Wenn ein Mer.Uh mit feinem gegenwärti- gen Zuftaide volikom ien zufrieden, d. h, wenn er oh.e alle Unluftift. was bleibt denn dem Willen, i'er Thäti, kut und Hetriebfamkeit roch üb'ig, als in demfelben zu verharren? Diefs ift eine Thatfachc, wovon lieh jeder IWenfc-h durch Beobachtungen ubeizeugen kann. Dsr weife Schöpfer , der wufste, was den Willen befiiniint, unterwarf daher den Men- fchen auf eit.e. feinem Zufiand und VVefen an- gemrffene, Weife der Unbtha^Jichkeit des Hungers, desDiufb, und anderer natürlichen Bedürf-iifle, welche eu beRimmtcn Zeiten iu^ rückkehren » um den Willen zur Erhaltung der Individuen und der Gattung zu beftim- men und anzureitzen. Wenn die blofse Be- trachtung der guten Folgen, welchen uns die unangenehmen Empfindungen ent^egenführen, zureichend gewei'en wäre, den Willen in Tha> tigkeit zu fetzen, fo dürfte wohl wenig oder gar kein Schmerz und phyfifches Uebel in der Welt angetroffen werden. Allein das Gefühl der kleinften Unbeha^lichkcit ift ein ftärkerer Be- wegungsgrund als die Ausficht auf ein grofses Vergnügen, i

i. *

Ein und swanzigßes Kaphel. 3p

Nicht das gTöTste pofitive Gut, fondern die Unluß beftirarat den Willen.

v Dafs die Vorftellung eines Guts und eines großem Guts den Willen beftimrae, fchein* ein fo gründlicher, und durch die allgemeine Einfütnmung aller Menfchen beftätigter Grund- fatz zu feyn , dafs ich mich nicht wundere, wenni ch inj der erden Ausgabe denfelben an- nahm. Und vielleicht werden die Menfchen dies für verzeihlicher halten, als dafs ich jetzt von diefer allgemein angenommenen Meinung abzugehen wage. Allein nach einer fcbärfem Umerziehung kann ich nicht umhin zufchliefsen, dafs ein Gut, ja ein gröTseres Gut, obgleich vorgeftellt und anerkannt, doch den Willen nicht beftimmet, wenn nicht ein mit demfelben verhältnifsmäfiiges Verlangen entlieht , und durch das Bedürfnifs eine unangenehme Em- pfindung erzeugt. Man überzeuge einen Men- fchen noch fo fehr, dafs Ueberflufs der Ar- muth vorzuziehen ift; man laffe ihn erkennen und eingesehen, dafs die Bequemlichkeit eines feinern Lebens hefler ift, als eine fchmuzige Dürftigkeit, alleß das wird ihn nicht rühren, fo lange er mit der letzten zufrieden ifi, und nichts Läftiges in <|erfelben findet ; fein Wille wird fich zu keiner Thätigkett entfchlieflen, C 4 um

Zweites Buch.

um (ich in einen andern Zuftand zu verfetzen. Wenn ein Menfch bei voller Ueberzeugung von den Vorzügen der Tugend, dafs fie für ei- nen Menfcheu, der hohe Zwecke in diefem, und grofse Hoffnungen in dem künftigen Leben bat. fo unentbehrlich ift, als Nahrungsmittel für das thieriTche Leben, noch nicht nach Recht- feh a ff e n h e i t hungert und d ü r ß e r, und keine Unluft über den Mangel derfelben empfindet, fo wird fich der Wille zu keiner Thätigkeit beftimmen, um diefem erkannten gröfsern Gut nachzuftrebiju ; fondern ft-itt def- fen durch andere unangenehme Etnpfiucliin- gen zu andern Handlungen gereit/t werden. Man lafle auf der andern Seite einen Zecher ein-" fehen , dafs feine Gefündheit und fein Vern.ü- gen zerrüttet wird; dafs Verachtung, Krankhei- ten, Mangel an allen Dingen, felbft an feinein geliebten Getränke ihn endlich bei diefer foit- ge'etzten Lebensart treffen muffen; die zurück- kehrende Unluft, wenn er feine Gefellfchafter vermifst, und das zur Gewohnheit gewor- dene Bedürfnifs wird ihn doch wieder zur gewöhnlichen Zeit in das Zechhaus treiben, follte er auch den Verluft der Gefündheit, des Ueberfhiffes und vielleicht gar der Freuden ei- nes andern Lebens vor Augen haben, und das geringfle jener Güter dem Kitzel feines Gau- mens und dem leeren Gtfehwätz einer beraufch- ten Gefellfchaft vorziehen. Es fehlt ihm kei- nes-

Ein und zwanzigstes Kapitel. 41

nesweges an der Keuntnifs des gröfgern Guter* deun er erkennt es an, und entfchliefst (ich in den nüchternen Au genblicken ihm nachzuge- ben. Allein wenn ihu das Bedürfnifs der gewohn- ten Zerfireuungen wieder quält, fo verlieren jene Vorftellungen ihre Kraft , und die vorhandene Unluft beftimmt dann feinen Willen wieder zu der gewöhnlichen Handlungsweife, Diefe Em- pfindung wurzelt alfo immer ftärker ein, dafs fie bei nächfter Gelegenheit die Oberhand ge- winnt, ob er lieh gleich in feinem Innern ver- fpricht, nicht mehr fo zu handeln, und es das letztemal feyn zu laßen, dafs er der Erlangung eine9 gröf.ern Guts entgegen arbeitet. Er ift alfo von Zeit zu Zeit in dem Zuftände jenes unglücklichen Weibes, welches klagte: Ich erkenne und billige das Beflere und wähle das Schlechtere. *) Ein Gedanke, der, fo fehr ihn die Erfahrung bestätiget, doch vielleicht nur auf diefe Weife erkläret werden kann.

§. 56.

Wenn wir den Urfachen diefer unleugba- ren Thatfache nachforfchen , fo werden wir in Rückficht auf die Glückfeligkeit, worauf C 5 all«

*) Ovids Verwandlung. , B. VIF. v. 20, 21. Yideo meliora proboqne Deterioia feqnor.

/\t Zweites Buch.

alle unlYe Handlungen ab/wecken, es fim na- türlich fiiiüen , dafs die gegenwärtige Empfin- dung der Unluft nur allein aif die Wahl des Willens Einflufs hat, weil nur eine Willensbe- ßunmiuig auf einmal möglich ift. Denn fo Lange wir Unluft empfinden, können wir uns unmöglich überzeugen , d>fs wir im Befitz oder auf nein Wege der G ürkf ligkeit find. Unluft und Unbehaglrchkeit, die von jedermann für unvereinbar mit der Glückl'eligkeit gehal ten werden, rauben uns auch die Empfänglich* keit für das Gute, das wir beGtzenJ, und ver- bittern jeden Genufs des Vergnügens. So lan- ge man daher noch Unluft enjpfindet, wird die Entfernung dsrfelben als der erfie uud noth- wendigfte Schritt zur Glückfeligkeit immer In der Regel die; Wahl des Willens ;am elften befti sinnen.

§. 37.

Ein anderer Grund beftehet darin. Die Unluft ift allein gegenwärtig, und es ift gegen die Natur, dafs das Abwefcrule da wirken foll, tvo es nicht ift. Das abwefeude Gut, könnte nian fagen , werde auch durch die Betrachtung der Seele vergegenwärtiget. Die Vorsehung davon kann in der Tbat der Seele vorfchweben, und infofem als gegenwärtig betrachtet wer- d«n; allein nichts kann als ein gegenwärtiges Gut in der Seele den Wunfeh nach Entfernung

einer

Ein und xwanzigfies Kapitel. 43

einer Unluft; die uns jezt zur Laft ift , über- wiegeo, bis es ein Verlangen erwecket, und die damit verknüpfe Unluft mehr Einfiufs auf die Befiiromung df s Willens hat, als je/e. Bh da- hin ift die Yorfteliung jedes Guts von einer an- dern Vorflellung ia nichts verfchieden, fondern nur ein Gegenstand piner untbätigen Bctrach- Inngi der auf den Willen niht wirket, noch uns in Thäligkeit fetzt. Die Urfache davon werden wir gleich zeigen. Wie viel* Men- fchen gicbt es , weiche fear lebhafte Vorftellun- gen von den unausfprechiichen Freuden de* Himmels haben, und Ge für möglich ja w7ahr- fcheinlich haken, und doch mit dem GenuTs der irdifchen Glückfeligkeit zufrieden find? Und fo beftimmt das übt 1 wiegende nnacgeneh- me Gefühl ihrer auf die'es Leben eingefchräuk« lenBedürfnifse ihren Willen unaufhörlich , ohne % indt-ffen einen Schritt zu thun, um fich der künf- tigen Glückfeligkeit zu nähern, wie grofs fie fich diefelbe auch vorftellen,

§. 33.

Wenn der Wille nach der gewöhnlichen Meinung durch die Aussicht eines Guts beftimmt Würde, iu fo fern es in der Betrachtung dem Verftande gröfser oder kleiner erfcheint und fo ift es mit jedem abwtfenden Gute [o fehe ich nicht ein , wie er fich von der un- endlichen Glückfeligkeit des Himmels je los- reif-

44 Zweites Buch.

rei'en kann, wenn e einmal als möglich vor» grüpllt iit. Denn da jeck-r abwcit'ntie I dmcii ('eilen blofce Vor t in der Wille be- nimmt wejrden foft , nur uro« ich aber nicht un- trüglich gewiis iit.fo um i sie in i.ncndlicb grüf- ftre« mögliche Gut einen regehnäfl ! be-

fiäudigen Einllufv aut den WjUen bei allen auf einander folgenden Handlungen hdben; und dann müf-ten wir auf der Laufbahn zum Him- mel immer mit unverwandtem Blick, o;jne Stiliftand fortrücken, und keine unfrer Hand- lungen dürfte auf ein anderes Zielgerichtet feyn.

5o würde unter jener Vorausfetzung der Zuft-tnd des Gemüthsund die regelmäßige Ilich- tung des\V'llens bei allen feinen Beftimmungen feyn. Allein dafs diefes sieht fo ift, lehrt die Erfahrung offenbar. Das unendlich gröfste und dafür erkannte Gut wird oft vernachläffiget , um die abwechselnden unangenehmen Empfin- dungen, welche aus dem Bedürfnifs von Kler- ni^keiten entflohen, zu befriedigen Es rührt zwar zuweilen das Gemü:h. aber es erhält nicht den Willen in einem unveränderlichen Streben darnach Wenn aber eine grofse überwiegende Unluft fich einmal des Willens bemächtiget hat, fo hält lie ihn feft. Hieraus laTst fich ficher auf das fcbliefsen, was den Willen beftimmt. Ein heftiger körperlicher Schmerz, die unbändige Leidenfchait der Liebe, die unruhige Begierde

nach

Ein und z'.v anzielt es Kaiitel. <jö

nach Rache erhält den Willen in beftändlger Spannung, und fo lange er durch den Liiifiufs diele r Harken Be im d der fortdauern-

den Unluft benimmt wiid, läfst er nie den Ver- ftar.d dasObjrCt aus dem Gefichtspttnkt Tücken, fondern lichtet alle Gedanken und Kräfte des Küipers dahin. Hieraus fchciut mir einleuch- tenri zu werden, da^s d-^r Wille oder das Ver- mögen, den IVleiiCchen \ ovzncswe»fe zu einer Handlung zu beftimmen, durch das Gefühl der L'.iliiü beftimmt werde; um ! ich berufe mich de h lb auf die Seibitbeobachtung eines jeden Menlchen.

5 39.

Ich habe mich bi-her hauptfächlich auf das mit dem Verlangen verknüpfte Gefühl der Ln- luft eingefchränkt Denn dicfes wirkt vorzüg- lich und am deutlich Ren auf den Willen; feiten wir ! eine Handlung befchlofTen oder eine will- kührliche Tath vollzogen, ohne dafs ein Ver- lanen mitwirket. Diefs ift wohl auch die Ur- fache, warum der Wille und das Begehren fo oft verwechselt werden. Demungeachtet darf man nicht glauben, daf> die Unluft, welche ein Beftandtheil oder wenigftens eine Begleiterin anderer Lcidenfthaften ift, hier ganz au<;ze- fchloÄeTU fey. Mit der Abneigung, der Furcht, dem Zorn, dem Neide', der Scbaaro u. f. w. ift im.uer auch eine Art voa Uuluft verbunden ,

wo-

\6 Zweitem Rr

wodurch fie einen btfftimm enden Einrlu1"«; aut den Willen erbalten. Seilen find ilh-fe Leiden fchafien in (fem wirklichen Leben einfach, rein und unvermifcht ; obgleich in philorophifcheu Un'erfuchungen nureiue den Namen führt, wel- che am ßärkflen wirkt und in dem Zuflandc des G^mühs am meiften hervorfticht. Ia es giebt meines Ei achtens kaum eine Lcidenfchaft, mit welcher uicht ein Verlangen (Bpgehren) verbunden ift. Wo eine Art von Unluft ift, da ift auch gewifs ein Verlangen, Denn Glückfe- lig'^eit ift der allgemeine Wunfeh ■, und in dem Verhältnifs wir Unluft empfinden, in demfelben fehlt es uns. auch, nach unfrer eignen Ueberzeu- gung, ohneRückficht auf unfern übrigen Zufiand, an Glückfeligkeir, Zudem ift der gegenwärtige , Augenblick keine Ewigkeit; bei jedem Vergnü- gen üt-het man über das Gegenwärtige hinaus; das Verlangen hält mit jedem Blick in die Zu- kunft gleichen Schritt und hat immer den Wil- len, im Gefolge. Selbft bei der Freude wird daher durch das Verlangen, es iemer zu genief- fen und durch die Furcht es zu verlieren, die Thätigkeit, von welcher das Vergnügen ab- hängt, genährt und unterhalten. Wenn aber? ein anderer höherer Grad der Unluft an die Stelle tritt'! fo wird der Wille gleich zu einer neuen Thätigkeit beftimmt und das gegenwär- tige. Vergnügen vernachläffiget.

Ein und tvranzigftes Kapitel. 4?

§. 40. Da es aber in der Welt nicht an mannich- faltigen Anläfsen zu unangenthmen Empfindun- gen and an verichiedenen zerftreuenden Wün- fchen fehlet, fo entliehet zuur'chft die Frage , ■was den gröfstpn Elnfiufs auf den willen hat» In der Regel ift es das dringendfte Bedürfr.i's* defseu Befriedigung in derufeiben Zeitpunkt für n.öglich gehalten wird, Denn der Wille das Vermögen, die wirkenden Kräfte zu einer Handlung um eines Zwecks willen tu befiira- men, und er kann daher zu keiner Zeit auf d-S gerichtet werden, wa« gerade jtzt für uner- reichbar gehalten wird. Cenn für fcir-e Sache aibeiten, d>e nicht erreichbar ift, hiefse bey ei- nem veiftändigen V\elen ;ovjei, als abfitutiiöEl zwecklos handeln. Daner Wirkt das ftärklk Ge- fühl clerUnluft nicht auf den Willen, Wenn diö Kmiernung derfelben als unmö-lieh erfcheint. IMit diefer Ausnahme beftimmt in der ganzen Reihe von willkühnichen Handlungen, die das menfehhehe Leben ausmachen, immer das drin- gendste und ftarkfte Gefühl von L'nluft den Willen: die Unlultift der ftärkfis Reitz zur ThäJ tigkeit, und von ibr hängt in den rüeiften Fäl- len die Wahl der nächlten Handlung ab. Denn das eigentümliche und einzige Object des Wil- lens' find unfre eigenen Handlungen und das Wollen kann nichts hervorbringen, als eine Handlung, die in unferm Vermögen flehet«

Diefs 1

48 Zweites Buch.

Diefs ift der Wirkung kreis, auf welchen der Wüle eingefchrankt ift.

$. 41-

Alle Menlchen wünfeben G 1 ü c k f e- ligke it.

Wenn man weiter fragt : was erregt das B e- gehren: fo antworte ich: Nichts anders, als die Glückfeligkei t. Glückfeligkek und Unglückfeligkeit fiml Ausdrücke für zwei ent- gegengefezte Zuftände, deren lezte Grenzen wir nicht kennen; üe find das, was kein Auge gefehen , kein Ohr gehört hat und keines IVlenlchen Herzfafsen und begreifen kann. Doch erhalten wir fehr lebhafte Eindrücke von eini- gen Graden derfelben durch mannichfahige Em- pfiudungen von Vergnügen und Freude und von Schmerz und Kummer, die ich unter den Wor- ten Vergnügen und Schmerz der Kürze wegen zufa in men raffe. Es giebt ein Vergnügen und Schmerz des Körpers und der Seele oder rich- tiger, fie gehören beide der Seele an, nur mit dem Lnterfchied , dafs einige in der Seele durch gewiß,« Vorftelluugen , andere in dem Körper durch gewifse Modificationen der Bewegung ihren Urfpruug haben.

§, 42.

Ein und zwanzigftes Kapitel. 49

§• 42.

Gl ü ck fei i gkei* nach ihrem gröfstpn Um- fa ge ift das h ö c b ft e Vergnügen utrfl Un- glückfeligkeit deT höchfte Schinerz , dcffen Men- f(hen empfang'ich find. Der niedrigfte Grad der Glückfeligkeit beftehet darin, dafs man fo wenig Schmer? und fo viel wirkliches Vergnü- gen empfindet \ als man ohne d<2S nicht zufrie- den leben kann. Vergnügen und Schmerz wer- den in verfchiedenen Graden durch die Einwir- kung gewiffer Gegerftande theils auf die Seele theils auf den Körper hervorgebracht. Alles, was daher fähig ift, Vergnügen zu erzeugen, heifst Gut, und wa-, »Schmerz hervorbringen kann/ Uebel und zwar nur weg^n Erzeugung diefer Empfindungen, welche unfre Glückfelig- keit und Unglückfeligkeit ausmacht n. Ob- gleich aber jedes idbject g't an [ich ift, was ei igen Grad des ^er^nügens, und böfe an fich , das eiiiigen Grad des Schmerzen hervor- bringen kann, fo werden doch beide wegen KöliiliOn mit einem hohem Grade oft nicht o genannt. Denn in holiilion-failen bat ein Grad des Vergnügens und des Schmerzes einen Vor- zug vor dem andern. Es kommt alfo bey der richtigen Beurtheilung deiieu , Wa« gut und böfe ift, Tehr viel auf die \ ergleichung an; denn die fache eine« kleinern Grades On Schmerz und eines grölsern von Vergnügen

Locke1 ». 11. Tkeü, D Wird

5* Zweites Euch.

wird für ein Gut gehalten, und fo auch umge- kehrt»

$. 43-

Welches Gut ein Objectdes Begeh- rens oder nicht ift.

Jedes Gut ift zwar überhaupt das eigentüm- liche Object des Begehrens; aber darum erregt es doch nicht nothwendig in jedem Menfchen ein Verlangen , wenn es gleich dafür erkannt ift, Condern nur dann und in dem Grade, als man glaubt, dafs ts einen notwendigen Beftand- theil der Glückfeligkeit ausmacht. Ein Gut, das nicht in Beziehung mit der Giückfeli°keit fte- het, die bei jedem Menfchen individuell ift, er- zeuget kein Verlangen, fo grofs es auch der Wahrheit oder dem Scheine nach ift. Jeder Menfch ftrebt in diefer Rücklicht nach Glück- feligkeit und begehrt dasjenige, was zu derfel- ben gehöret; andere Dinge, obgleich auch für gut erkannt], betrachtet er ohne Verlangen, er eutfaget ihnen, und lebt ohne fie zufrieden. Kein Menfch ifi fo geiftlos, der nicht geliehen follie, dafs die Erkenntnifs Vergnügen gewäh- ret; und was das finnliche Vergnügen betrift, fo findet es nur zu viele Anhänger , als dafs noch die Frage feyn kann, ob es für Menfchen Reifz habe. Wenn nun ein Menfch in dem finnli- chen, ein anderer in dem geiftigenGcnufs feine

volle

Ein und zwanzigfies Kapitel, f t

volle Befriedigung findet, fo mufs zwar der eine! und der andere gtftehen , dafs das Object, wel- chem der andre nachflrebt, grofses Vergnügen gewahret; allein da diefes keinen 1 heil feiner Glückfeligkeit ausmacht, fo empfindet er kein Verlangen darnach, er ift ohne den Genufs des andern zufrieden und fein Wille wird nicht be- nimmt, derafeiben nachzuftreben. Da alfö das Gefühl der Unluft in dem Bedürfnifs defferi befteht, was zur Glückfeligkeit für nothwendig erachtet wird, fo entftehet jederzeit ein Ver- langen, wenn ein Gut, als zur Giückfeligkeif gehörig, vorgeftelllt wird;

§. 44.

jeder Menfch kann zum wenigßen an fich und» andern beobachten, dafs nicht immer die Vorftellung eines gTöfsern Guts ein Begehren erzeuget, welches mit der erkannten oder ein- gebildeten Gröfse deflelben in Vethältnifs ftebetj da hingegen jeder kleine Grad von Unluft uns afficiret und zur Entfernung deifelben in Thätigkeit fetzt. Der Grund diefer Erfchei- nung leuchtet febon aus der Natur unfrerGlük- feligkeit und ihies Gegertheils ein, Jede Art von unangenehmer Empfindung macht eineri Theil unfers jetzigen unglückfeligen Zuftandes aus; aber nicht jedes abwefende Gut ift zu je- der Zeit ein notwendiger Befbndtheil unfe- rer Glückfeligkeit, noch der Mangel dtffeiben D 2 ein

jj Zweitoe Bucb. ^

ein Unghirk in unfern Augen. Denn fonft wi"i"'pn die Me riehen uoa ifliörticfa in dem hür' ii n G m , da es uriendl h

viel . : en

Beliz fie r bl f. 1. Wenn .;iie unängeueh- men Empfindungen-entfernt find, fu iTt f.hon eiu kleiner Antheil an dein G tcr; und ein ge- ring' r Grad \on Vergnügen in dem Kreife e- wöhnlicher Zerftreuungen hinreichend, eine für die grö sie Anzahl von Menfchen heftiedi« gei de G uckfeli^keit zu begründen. Und wo- her käme es fonft, dafs der Wille fich fo gerne einen fo großen Theil des Lehens hindurch init fo gleichgültigen Dingen und Kleinigkeiten befchänigte? Die meiften Menfchen find von der Mo4hchkeit einer voll^ömmnen fichern und ewigen Glückfeli^keit in jenem Leben und von dem ^rofsen Vorzug derfelben vor der irdifchen überzeugt j fie erkennen, dafs fie jene nicht erlangen können , wenn fie in diefem Leben ihre Glückfeligkeit auPblo^en Geuufs und die xnedrigften Zwecke einlchräuken : gleichwohl wird ihr Begehren durch jenes gröfsere Gut nicht gereizt, und ihr Wille nicht zum Streber! nach demfelben beftimmt.

§. 4S-

Die immer tmeiierten Gefühle, welche fich auf die gewöhnlichen Bedürfnifie als Hunger, Dürft, Hitze, haue, Ermüdung, Schlaf bezie- hen,

Ein und zwanzigfles Kapitel. 53

hen, erfüllen einen grofsen Tneil des menfch> liehen Lebens. Hiezu gesellen (ich noch man- che zufällige Unannehmlichk« iten , eingebilde- te Bedürfnifle, als das unruhige Streben nach Ehre, Macht, Reiehthum, wozu uns die Er- ziehung, die Mode und die öeifpiele einen Hang einflöfsen. Alle diefe natürlichen und zur Natur gemachten BedürfniiTe und Gefühle lauen uns feiten ruhi* vor ihren Forderungen , um unbefangen nach einem entfernten Gute ftre- ben zu können. Denn die Entfernung eines un- angenehmen und luftigen Gefühls reifst uns aus einem unangenehmen Zuftande, und ift der er- fte Schritt zur Glückfeligkeit» Unterdeilen denkt man wohl an ein entferntes Gutj weil es aber durch feine Abwefenheit den unange- nehmen Zuftand nicht vermehrt, fo weift man es von fich, um nicht der Befriedigung der ge- fühlten BedürfniiTe im Wege zu feyn, Eift nachdem eine anfmerkfarne und wiederholte Betrachtung es dem Gemüthe naher gebracht und einen Vorfchmack davon gegeben hat, wird es begehrt; es tritt nun mit andern un- angenehmen Gefühlen in das Verhähnifs der Gleichheit, fodert Befriedigung und befümmt den Willen.

§. 4*.

Es ftehet airo in untrer Macht durch die auf-

merklame Betrachtung und Prüfung eines vor-

D 3 ge-

54 Zweites Buch.

geseilten Gutes ein Begehren hervorzubringen, welches feinem Werthe angemeffen ift, und den Willen rejjelmäOig beftimmen kann, Denn fo lange ein Gut, es mag noch fo grofs in der Vorftellung erfcheinen, kein Verlangen , keine Unbehaglichkeit durch das gefühlte Bedürfnifs verurfat lut, fo liegt es aufser dein Kreife der Wirkhmkeit des Willens. Denn der Wille flehet pur unter dem Einfluffe derjenigen ßedürfinfTe> die wir jettt fühlen, und die eine augenblickli- che Befriedigung fodern, und das Geinüth kann, dabei nichts weiter erWagen, als welches Be- gehren zuerft befriediget, welche Uuiuft zuerft gehoben weiden fall.

§• 47- Nähere Beftimmung der Freiheit»

Es ift natürlich, dafs aus der grofsen Man- nichfaltigkeit von unangenehmen Empfindun- gen, welche auf den Willen Einflufs haben, je- desmal nur die ftärkfte und dringendfte den Wil- len zunächft zum Handeln beftimmt. Das ge- fchiehet gewöhnlich, doch nicht allezeit. Denn die Seele hat, d,er Erfahrung zufplge, ein, Ver- mögen, die Vollziehung und Befriedi- gt] n g eines Begehrens auf/ulchieben , und alle Objecte der Begierden, eins nach dem andern, von allen Seiten zu betrachten und gegen ein- ander abzuwägen. Hierin bsfteht die Frei- heit

Ein un<J zwanzigftes Kapitel. 55

heit des Menfchen. Die unzähligen Verir- rcDgen , Fehler und MiTsgriffe in dem menfch- lichen Leben und in dem Streben nach Glück- feligkeii entfpringen alle aus dem unrichtigen Gebrauch der Freiheit, indem isau fich bei ße- ftimmung des Willens übereilet, und handelt, ehe die Sache ffehorig überlegt ift. Dagegen fichert uns allein jenes Vermögen, die fiefriedi? gung eines beftimmten Begehrens aufzufchie- ben , worin mir die Quelle aller Freiheit und das Wefen des nicht ganz fchicklich fogenannten freie n Willens zu liegen fcheint. Denn ehe der Wille beftimmt und die Handlung ausgeführt wird , giebt uns diefer Auffchub Zeit und Ge- legenheit, die gute und e Seite von dem, was wir thun wollen , zu prüfen und mit Ue- berlegung den letzten Entfchlufs zu faflen. Ift das gefchehen , fo haben wir alles gethan, was wir bei dem Beftreben nach Glückfeligkeit thun konnten und follten.

§• 48.

Hierin liegt fo wenig eine Einfchrankunj der Freiheit, dafs es vielmehr den End- zweck, die Vollkommenheit und das Wehlthä- tige derfelben ausmacht. Je weiter man fich von diefer Beftimmur.g entfernt, defto näher ift man dem Elend und der Sclaverei. Eine vollkommene Gleichgültigkeit des Geinüths ge- gen alle BelUtnmungen des enlfcheidenden Ur- D 4 ibeils

$6 Zweites Buch,

theils über Gutes und Böfe% welches den Eut- (chlufs begleitet , wäre kein Vorzug oder Voll- kommenheit vprriüuf'igPT Wefen, fonderu viel- mehr eine ben fo grorse Uuvollkoinmenheit, als der Mangel der Gleichgültigkeit zum Han- deln oder Nicldhandeln vor det Belli mmung des V\ illens. Es ift fo gut eine Vollkommen- heit, dafs das Begehrungsvcrmöo« n durch das Gute, als dafs dis Vermögen zu handeln durch den Willen beflimmt wird, und je gtwifser diefe Beßimmung ift, clefio gröfser ift die Voll- kommenheit. Ia wir wären überhaupt nicht frei, wenn wir durch etwas anders als das letzte Refultat unfers über das Gute und Böfe einer Handlung reflektirenden Ichs beftimmt würden. Der eigentliche Endzweck der Fiei- heit ift, das Gute zu erlangen, welches Wir felbft gewählet haben. Jeder Menfch ift dahtr fchon durch feine eigene Natur, als vernünfti- ges Wefen, der Notwendigkeit unterworfen, hch bei feinem Wollen durch feine eignen Ge- danken und Urtheile über das, was iür ihn das Befte ift, beftimmen zu lallen; fonft wäre er der Beftiiniiiung eines andern Dinges, als fei- nes Ichs, untei warfen, d. h, er hätte keine Frei- heit, Leugnen zu wollen; ddfs der menfehliche V\il!e bei feinen Bcftimmungen dem eignen Ur- theile falge, heilst fo viel als: ein Menfch will etwas und handelt für einen ge willen Zweck, welchen er zu deiftlben Zeit nicht will und für

wel-

Ein und zwanzigftcs Kapitel. 5n

welchen er fich nicht intereffirt. Denn wenn, er etwas nach feiner jetzigen Einficht allem an- dern vorzieht, fo mtifs er es für das heilere er- kennen, wofern er ni"ht zu einer und derfel- uen Zeit es wünfehen und nicht wünfehen ,, wollen und nicht wollen foll ein Wider- fpruch, der zu offenbar iß, als dafs man ihn einräumen könnte»

V 49»

Richten wir unfern Blick auf Wefen, die über uns erhaben lind und einer vollkommenen Glückfeligkeit geniefsen, fo daif man wohl mit gutem Grund vermuthen, dafs fie mit mehr Feftigkeit als wir bei der Wahl des Guten beftimmt werden, ohne deshalb weniger glüekfelig oder frei zu feyn. Wäre es nicht für fo endliche Wefen, als wir find, zu vermellen, entfeheiden zu wollen , was die un- endliche Güte und Weisheit thun könne, fo dürften wir wohl behaupten, dafs Gott felbft nichts wählen könne, was nicht gut ift , und dafs die Freiheit des Allmächtigen nicht mit dein Beftitnmivverden durch das Befte ftreite.

D s $. 5o«

50 Zweites Buch.

§• 50.

Die Freiheit wird durch das durch- gängige Beftiinrnt werden zum S treben nach Glück feiig keit nicht ein ge fchr an k t.

Um das Mjfsverftändnifs , welches in die» fem Tbeil der Lehre von der Freiheit herrlcht, noch mehr ins Licht zu fetzen, fo frage ich: kann wohl jemand wünfchen, ein Thor zu feyn» weil diefer fich weniger als ein Weifer durch vernünftige Gründe beftimmt? Verdient wohl eine willkürliche Gewalt, die Rolle des Tho* ren zu fpielen , und fich felbft Schande und Un- glück, zuzuziehen, den Kamen der Freiheit? Wenn wahre Freiheit darin befiehet, fich aller Leitungder Vernunft zu entziehen, und alle Fef- felu der Prüfung und Beurtheilung abzufchüt- teln, wodurch man verhindert wird, Böfes zu thun, fo find Wahnfinnige und Narren allein freie Menfchen. Aber fichcrlich kann nur ein Wahnfinniger um einer folchen Freiheit willen Wünfchen, wahnfinr.ig zu reyn. Der allgemei- ne Wunfeh nach Glückseligkeit und die da- durch auferlegte Notwendigkeit, fie zum Ziel aller H-mdlungen zu machen . wird wohl nicht leicht von einem* Menfchen für einen, zum weniglen nuht für einen klagt nswerthen, Abbruch der Freiheit gehalten werden. Der all- mächtige Gott ftehet felbft unter der ISothwen-

dig-

Ein und zwanzigftcs Kapitel. Bcj

digkeit, feiig zu feyu J und je mehr es ein ver- nünftiges Wefen i ft , defto mehr nähert es fich der unendlichen Vollkommenheit und Seligkeif, Damit wir kurzüchtige Wefen in dem jetzigen Zuftands des Wahns uns nicht in der wahren Glückseligkeit tätlichen Tollten, erhielten wir das Vermögen, die Befriedigung einer einzelnen Be- gierde aiif/.ufchieb*n , und zu verhindern, dafs fie nicht foglcich den Willen zur Handlung reitzte. -Man ftehet ftille, wenn man des rech- ten Weges nicht verfichert ift; man prüft um gleichfam einen Wegweifer zu befragen; derfWi!!e entfchliefst fich nach der Unterfuch- urg, d;:s ift : erfolgt dem Rath diefes Wegweifcrs. Wer das Vermögen hat, nach dieTen Beftimmungsgründen zu handeln, oder nicht zu handeln, der ift ein frei handelndes We- fen. Wie follte denn dadurch die Freiheit ver- kürzt werden? Man nehme einem Gefangenen die Feffeln ab, und öfne ihm die Thüren» fo ijt er vollkommen frei, \veil er fortgehen oder bleiben kann, wie es ihm gefällt; wenn er lieh ?ber wegen der Dunkelheit der Nacht, wegen des üblen Wetters, oder des Mangels an einem Nachtlager entfchliefst za bleiben, fo hört er deshalb nicht auf frei zu feyn , wenn der Wunfeh nach gtwiflen Bequemlichkeiten, die er hier ruber» kann, ihn unabänderlich be- nimmt, das Gtfäugnifs noch niciit zu Ver- la II» n.

§• 51

Zweite« Buch.

P i e Notwendigkeit, nach wahrer G I itckf el i g k e i t zu [heben, i (t der

(/rund der Freiheil,

Die hüchfie Vollkommenheit der vernünf- tigen INatur befhhet alfo in einem ununterbro- chenen und eifrigen Streben nach wahrer und gründlicher Glückseligkeit, und die Achtfam- keitaufuns, uru nicht eine eingebildete Glück- feligkeit ftatt einer wahren zu ergreifen, ift der Grund untrer Freiheit. Mit je fhirkeren Ban- den wir an ein unveränderliches Sireben nach Gluckfeligkeit überhaupt, welche unier höch- ftes Gut ift, und ah folches alle unfre Wüniche auf fich zhht, gebunden find, defio freier find wir von der Beltiininung des Willens zu einer einzelnen Handlung und von der erzwungenen Erfüllung belonderer Wüofche, die auf ein einzelnes fcheinbares grpfseres Gut gerich- tet find, bis wir Teiflich überlegt haben, ob fie mit der .Glückseligkeit vereinbar oder nicht vereinbar find. Das Naturgeiefz, die wahre Glückseligkeit als hücliftes Gut vorzuziehen und zu fuchen, verpflichtet uns alfo die Bi-fncdi- gung unfrer Wünichi.- in einzelnen fallen fo lan- ge aufzufchieben, als es um noch an der Ktnnt- nifs und U< beizeugung fehle:, welche die Wich- tigkeit der Soihe und die ßelchaifenbeif, des beftumuteu Falls eiiudert.

§. 52.

Ein und zwanzigfies Kapitel. 6l

§• 52. Um dieren Pnnct drehet fich. die Freiheit -Vernünftiger Wefen in den ununterbrochenen Bestrebungen ruch wahrer Glück eügkrit , dafs fie nehmlich in befiimmten Fällen das Handeln auffchieben können, bis fie gehörig untemch- tet lind, ob der Ge^enftand ihres Begehren«: zu ihrem Hauptziele hi Führet., und einen reellea Beftandtheil de< hörhften Guts ausmacht. Die natürliche Neigung nrid Richtung zur Glückfe- li^keit ift ein Verpflichtung« -rund für fie, fleh vor Verirrungen und Mifs griffen darin zu hü- ten . und empfiehlt ihnen bei der Wahl der Mit- tel VorGcht , ßehutfamkeit und Üeberlegung* Eben daflelbe NatuTgefetz; welches uns das Streben nach Glückfeligkeit auferlegt, rnacltf uns auch das letzte zur unerläßlichen Pflicht. Diefes fcheint mir ein'grofses Vo. recht endlicher vernünftiger Wefen zu U yn. Esifieine Unter- fuchun'g, die alle Aüfineil^färnkeit und Empfeh- lung verdient, ob nicht die Bedingung und Aus- übung aller wirklichen möglichen und für Men- fchen nützlichen Freiheit; von welcher die Rich- tung der Handlung abhangt, darin befteht* dafs fie die Befriedigung ihrer Regehrunsen und. das Beftimmtwerden des Willpn- zu einer Ha «,d- lnng anffchieben können, bis fie die gut« und böfe Seite davon reiflich und gründlich , wie es die Wichtigkeit der Sache erfodert, Unter- fucht haben« Diefa können wir tihia und wir

ha-

62 Zweite» Bucht

haben dann alles gethan, was für uns Pflicht* was in unferm Vermögen und überhaupt was Für uns nöthig ift. Denn da der -Wille Kennt- nilTe vorausfetrt , um feine Wahl 7.11 leiten, ift alles, was man thun kann, den Willen nicht beftimmt werden zu lallen, bis unterfucht ift, ob das, was begehrt wird, gut oder büle ift. Die Reihe von verketteten Handlungen, welche darauf folget, hängt ganz, von dem letzten en(- hheidenden Urlheil ab; ob diefes das Refultat einer flüchtigen und übereilten Anficht oder ei- ner reiflichen und gründlichen Unterfuchung feyn foll, das flehet in untrer Gewalt; denn die Erfahrung zeigt uns, dafs wir in den mei- ften Phallen die augenblickliche Befriedigung ei- ner Begierde auflchieben können.

I' 53-

Wenn aber in dem gtüfsten Aufruhr, in Wel- chen das Gemüth zuweilen geräih , der Schmeri der Folter oder eine ungcfiüme Leidenfchaftj z, B, Liebe, Rache, uns dahin reifst, und uns den freien Gebrauch des Denkens zur reilli chen Uiitcrfut billig und Prüfung und die Herr- febaft über uns felLfti raubt, fo wird Gott, der Mitleiden mit unfrer Schwachheit hat, nicht inelir fächert, als was in unfern Kriirteu flehet; unfre Gebrechlichkeit kennt und ueifs, was in unfrer Gewalt ifl, um als ein gütiger uachlichts- 1 oller Vater beurtheiieii. Ailein die eii^ig

Wdh'

£in und zwanzigstes Kapitel, 63

Wahre Einrichtung unfers Verhaltens zur Glück« feligkeit erfüllen , daTs man fich die fchnelle Befriedigung der Begierden vetfagt, die Lei- denfchaften füget und einfchränket , damit das Reht des Verbandes, zu prüfen , und der unbeftechlichen Vernunft , zu entscheiden , im- geftört bleibe^ Und das füllte unfre erfte Ange- legenheit und unfer ernftliches Beftreben feyn. Man füllte fich daher Mühe geben, dem Geifte für das wahre innere Gm e undßöfean den Din- gen mehr Sinn und Empfänglichkeit zu gebenj und keinen Gedanken von einem möglichen gTofsen und wichtigen Gut uns entziehen laf- fen , ohne Gefchmack und Neigung dafür zu empfinden, bis nach vielseitiger U'eberlegung feines wahren Weiths eiu ihm angenieffenes Be- gehren in der Seele entftehet, und das Bedürf- nifs feines Befitzes fowohl, als die Furcht feines Verluftes uns unruhig macht. Wie fehr diefes in unfrer Gewalt i/t , kann jeder an fich felbft erfahren, wenn er fulche Er.tfchliefiüngen fafst, denen er treu bleiben kann* Niemand darf fagen* es fey ihm unmöglich, feine Leiden- fchaften zu beherr chen , ihren Ausbruch zu verhindern und fich von ihnen nicht hinreiffen zu laffen; denn wras er vor den Angen eines Fürften oder großen Mannes kann , das kann er auch, wenn er will, in der Einsamkeit durch die Vorftellung von Gottes Allgegenwart«

$• 54.

6<\ Zweites Buch.

§. 54»

Warum die Beflrebungen der M e ii - fchen fo verfchieden find.

Obgleich alle Menfiben Gliickfeligkelt ver- langen, fo nimmt doch ihr Wille fehr cnige- •»engefetzte Richtungen, und lenkt (Ich bei eini- gen fogar aim Böfen. Diefe F.rfcheinung lafat lieh ans dem Gcfjgten leicht erklären. Die mannichfaltigen und entgegengefeUten Beftre- bungen der Menfcheo beweifen nicht, dafs fie nicht alle nach dem Guten ftreben , fondern tlafs nicht jedes Object für jeden Menf< hen gleich gut ifl; dafs fie nicht alle ihre Gliickfe- ligkeit in einerlei Gfgenftande fetzen und nicht immer denfelbfn Wc£ Wählen. ' So liebt der eine Kenntniile, der andere Iagd und Vogel« r\ing. ein dritter Luxus und \ r< 1 fchwtndm'g, fein vierter Mäßigkeit und Reichlbum. 'l'iti- fenl wir daher, du Antwort, welche ein Arzt feinern augeakrinkeri Patienten g;>b: Wenn der WeingeXchniacJj Ihnen mehr Veignügin gewäh- ret, als der G -brauch der Augen i fo ilt der* "Wein für fie ^ut; gewahrt ilmm aber das Se- hen gröfseres Vergnügen , als das Trinken , fo ift ihnen der Wein Ichadlich.

§• 5.5.

Der menfchliehe Geift hat einen eben fo verfchiedentiu Geichuiack als der Gaumen« Die

Be-

Ein und zwanzigßes Kapitel. 6$

Blühung alle Menfchen mit Ruhm oder Reich- thum, worin einige ihre Glückseligkeit fetzen, zu befriedigen . ift eb^n fo vergeblich, als alle mit Räfe oder Meerkrebfen fätiigen zu wollen, Diefe Speifen find für einige ein ' eckeibifien, für andere aber ekelhaft und widerlich; und mancher würde die Unhehaglichkeit eines hung- rigen Magens . diefen Gerichten vorziehen» die für andre eine koftbare Mahlzeit und. Aus dem Grunde war es ganz zwecklos, wenn die alten Philosophen uuierfuchten , ob das höch- ße Gut in dem Reichthum , dem köperücheft Vergnügen, der Tugend oder Betrachtung he- fte he , und es war eben fo vernünftig, als wenn fie über» die Frage, ob Aepfel, Pflaumen oder Nüfle am beften fchmecken, geftriften und ficht, darüber in verfchiedene Sekten ge- theilt hätten. Denn der Wohljjefchinack hänst nicht von den Dingen felbft fondern von ih- rem Veihältnifs zu dem Gefchmacksorgan ab , worinn eine grofse Mannichfaltigkeit ftatt fin- det. Eben fo beftehet die gröTste Glückfelig- keit in dem Befitz derjenigen Dinge, welche das gröfste Vergnügeuj und in der Abwefen- lieit derjenigen, welche Unannehmlichkeiten und Unruhe verurfachen. Das find aber nach Verfchiedenheit der Menfchen fehr verfchiede- ne Dinge. Wenn daher Menfchen nur in die- fem Leben Genufs finden und erwarten, fo jft es nicht befremdend noch unvernünftig, dafs Locke's. H, Tlieii. E fie

•jb Zweites Buch.

fie mit Fnifprnung alles de (Ten , was Unluft er- zeugt, demjenigen nachftreben , was ihnen * "igoügf-n macht, - welches ganz natürlich von £rofser Manuichfdltigkeit ift und dadurch ihre Güickfeligkeit futhen* Gefetzt, es gäbe kei, e Ausficht über das Grab hinaus, fo würde das : 1 a f s t uus eTfen und trinken, und jedes Vergnügen geniefsen, denn morgen find wir t od t, eine gan2 richtige Folgerung feyn. Hieraus lüfst (Ich der Grund einfehen, warum die Menfchen, obgleich alle Wünfche durchgängig auf Giückfeli^keit ge- richtet find, doch nicht von einerlei Gegen- fiänden auf gleiche Weife geTührt werden. Sie können verfchiedene Dinge, und dabei doch alle richtig wählen. Man ftelle Pich die Menfchen nur als einen Schwärm von elenden Jnfekten vor, von denen einige, gleich den Bienen, an den Blumen und ihrem füfsen Saft, andere, als Käfer, an andern Nahrungsmitteln Gefallen finden , und nachdem fie da> einige Zr.t genofl'en, auf ewig in. ihr voriges Nichts" zurückkehren fallen.

§. 56.

Inwiefern die Menfchen das Böf*

erwählen.

Die oigfältige Erwägung aller diefer Punk*

te wird uns . wie ich hoffe , einen hellen

Biic* in den Zuftand der menfehlichen Freiheit

v. ifchnffen. Die Freiheit beflehet, unleugbat

in dem Vermögen zu handeln und nicht zu

NU'

Ein um! zwantigftes Kapitel. 67

handeln, je nachdem fich der Wille zu dem ei- neu oder andern entfchliefst. Da fie aber mch diefem Begriff nur diejenigen Handlungen in fich zu fairen fcheint, welche auf das Wol- len erfolgen, fo hat man noch weiter gefragt: ob der Menfch die Freiheit habe, zu wollen oder nicht zu wollen? Die Antwort darauf war : Der Menfch hat in den meiften Fällen kfine Freiheit, die Willenshandlung zu unterlaffen ; er mufs einen Akt des Wolleos ausüben, wo- durch die vorgeftellte Handlung entweder zur "Wirklichkeit kommt, oder nicht, doch giebt es einen Fall, in welchem der Menfch in Anfehung des Wollens Freiheit hat , nehmlich ein entferntes Gut zum Ziele feine Beftrebun- gen zu wählen. Hier kann er die Handlung d~s Wählern auffchieben, ohne für, oder ge- gen eine vorgeftellte Sache zu entfcheiden, bis er unterfucht hat, ob fie ihrer Natur und ihren Folgen nach von der Beschaffenheit fey, daf* fie ihn glücklich machen kann. Nach gefche- hener Wahl gehört das Object mit zum Inbe- griff feiner Glückreligkeit , es .erweckt ein Verlangen , und diefes verurfacht ihm ver- häknifsmäfsig ein Mißbehagen, welches feinen Willen beltimmt, und zur Uealifirung des Ent- fchlufles in jedem Fall antreibt. Hieraus läfst fich der Grund einfehen, warum ein Menfch ftraffällig wird , wenn es gleich ausgemacht ift, $als er bei jeder einzelnen wiilkührlichen £ 2 Hand*

68 Zweites Buch.

Handlung mir das thut, und nothwendig thun uiufs, was er zu der Zeit für gut hielte. Sein Wille wird zwar immer durch das Urtheil des Verftandes über das Gute beltimmt, das ift aber keine Entfchuldigung , weil er durch feine eigne übereilte Wahl falfcbe Begriffe vorn Gu- ten und Böfen eingewogen hat, welche, obgleich, betrüglich und unrichtig, doch denfelben Ein- flufs auf fein künftiges Betragen haben , als wenn he wahr und richtig wären. Er hat fei- nen eignen Gefchmack verdorben , und inufs fich felhft für den darauffolgenden krankliehen Zuftand und Tod verantwortlich feyn. Das ewige Gefetz und die Natur der Dinge darf nicht verändert werden, um fich nach feiner fehlerhaften Wahl zu bequemen. Wenn er irre geführt wird, weil er die Freiheitj, zu untersuchen , was wirklich zu feiner Glückfelig- keit gehört, nicht gebraucht oder raifsbrauchr, Co muffen die daraus entftehenden Fehltritte feiner eignen Wahl zugefchrieben werden, ilr konnte feinen Entfchlufs anffchieben; es ftand bei ihm, die Sache zu prüfen, für feine Glückfeligkeit zu wachen und fich vor Täu- fchungen zu hüten. Er konnte nie urtheilen, tlafs es, zumal in einer fo wichtigen ihn fo nahe angehenden Angelegenheit, beller fey, be- trogen als nicht betrogen zu werden. Aus dem Getagten läfst fich alfo die Urfache einfe- hen , warum die Menfchen in diefer Welt ver- fehle-

Ein und zwanzfg/tes Kapitel. 6g

fchiedene Dinge vorziehen , und auf ganz ver- leb iedenen Wegen ihre Glückfeli^keit fuchen» Allein da fie in allenDingen, welche diefe Ange- legenheit betreffen, [mit fo vielErnft und anhal- tenden Eifer zu Werke gehen , fo bleibt doch immer die Frage: Woh er kommt es, dafs die Men fchen oft das Schlimmere dem Befferen vorziehen und; dasjenige wählen, was fie nach ihrem eignen Geftänd- xuTs unglücklich macht?

$; $7.

Um diefe Frage zu beantworten, mufs zuerft unterfucht werden , woher jdie mancherlei unangenehmen Empfindungen entfpringen, welche den Willen bei der Entfchliefsung zu willkührlichen Handlungen beftimmen. Er ft lieh entfpringen einige von Urfachen, die nicht in unfrer Gewalt liehen, als körper- liche Schmerzen von Mangel, Krankhtiteni äüffern Verletzungen. Wenn diefe einmal vor- handen und fehr ftark find, fo haben fie mei- ftentheils einen überwältigenden Einflufs auf den Willen, und ziehen die Befirebungen der Menfchen von Tugend, Frömmigkeit, Rp'igi- on und von alle dem ab, was fie vorher für unentbehrlich für ihre Glückfeligkeit hielten. Nicht jeder hat den Willen, auch oft wegen Mangel an Uebung , nicht das Vermögen durch die Betrachtung des entferntem , künftigen E 5 Gu

70 Zweites Buch.

Gutes, ein Verlangen darnach zu erweck«!, welches ftark genug ift , die Unbehaglichkeit bei körperlichen Schinerzen aulzuwiegen, und den Willen unverrürkt in di-r Richtung auf die Mittel zur künftigen Glüclcfeeligkeit zu erhalten. Ein benachbartes Land war vor kurzem ein Schauplatz vou tragifchen Begeben- heiten, welche, wenn es nüthig wäre, und die Welt nicht zu allen Zeiten und in allen Ländern ßeifpiele davon genug an die Hand gäbe, die fchon oft gemachte Bemerkung: Noth verleitetzu fchändlic henHa n d- lungen, beftätigen und uns belehren könn- ten, wie viele Urfache wir haben zu beten; Führe uns nicht in Verfuch ung. Zwei- tens andere unangenehme Empfindungen enr. fpringen aus unferm Verlangen nach einem abwefenden Gute. Diefes flehet allezeit in Verhältnifs mit unferm Uitheil und deT Em- pfänglichkeit für daffelbe. Doch find wir da- bei mannichfaltigen Täufchungen , und zwar durch unfere eigne Schuld , ausgefetzt«

§. 58.

Ich werde zueTft die falfcben Urtheile der Menfchen über das künftige Gute und Böfe betrachten , wodurch ihre Begierden fich ver- irren. Denn in Anfehung der gegenwärtigen Luft oder Unluft, an fich betrachtet, ohne

Rück-

Ein und zwanzigftes Kapitel. ;-l

Rückficht auf die Folgen, wählt kein Menfch übel, infefem jeder weifs , was ihn am beüen vergnüget, und das allen andern wirklich vor- ziehet. Die Dinge find in Rücklicht auf ihren gegenwärtigen Genufs das , was fie icheinen> das wahre Gute hat in diefem Falle nichts vor dem fcheiubaren voraus« Schmerz und Vergnügen find gerade fo grofs und nicht grüf- fer, als das Gefühl, und das gegenwärtige Gute und BöTe alfo eben fo grofs als es erfcheint. Wir würden daher , wenn jede Handlung auf fich felbflt eingefchränkt und ohne alle Folgen wäre, zuverläffig nie in unTrer Wahl irren, fondern allezeit das Belle vorziehen. Man lege einem auf einmal die Befchwerlichkeit eines ehrlichen Fleißes und den Tod vor Hun- ger und Kälte, die Befriedigung einer Luft» und den augenblicklichen Be itz, der hirmnli- fchen Glückfeligkeit zur Wahl cor; erjwirl 'o- gleich wiffen , was er zu wählen hat, und ge- wifs richtig wählen.

§♦ 5g.

Unfre willkührlichen Handlungen führe» aber nicht fogleich bei ihrer Vollziehung alle Glückseligkeit und alles Elend herbei , das von ihnen abhängt; fie find die vorgängigen Urfachen von einer langen Reihe von guten und böfen Folgen, welche uns nur dann tief £ 4 reo,

72 Zweites Buch.

fen . wenn fie felbft fchon lange vorbei find; daher blcken unfie Wünfche über den gegen- wärtigen Genufs hinaus , und leiten unfern G. ift in d.m Verhältnis at.t abwefende Güter, ah wir (]f l .r Beförderung oder Vermehrung untrer Glückseligkeit für unentbehrlich halten. Lnfre Meinung von ihrer Unentbehrlichkeit giebt ihnen erft ihren Reitzj ohne diefen ha- ben fie kein lutereffe für uns. Denn nach unrern eingefchräi.kten Vermögen rührt uns nicht jedes entfernte felbft fcheinbare Gut. Wir genielsen nur ein Vergnügen auf einmal» ■nd !o lange diefes dauert und jedes Gefühl d^-r Unluft eu'.fernt ift, kann es uns in unfern Augen vollkommen glückfelig machen: wir find dann mit diefern Zuftande zufrieden, und wagen es nicht eine Veränderung zu vvün- fchen, Wer zufrieden ift, der ift auch glück- felig. Sobald aber ein neues Gefühl der Un- luft eintritt, wird diefe Glückfeligkeit geftöh- ret, und nun gehet die Betriebfarukeit für die- felbe wieder von neuem an,

§. 6o,

Das Urtheil alfo, dafs man ohne das gröfste- abwefende Gut glückfelig feyn könne , zu welchem «He Menfchen fo geneigt find, ift die erlte wichtige Urfathe von dem Mangel eines Beftrebens nach demfelben. So lange diefes

Vor-

Ein und twanzigltes Kapitel. 73

Vorurtheü herrfcht , können die Freuden eines künftigen Zuftandes keinen Eindruck rrucben; man bleibt kalt , und ohne Intereffe; der Wille, frei von dem EinflulTe diefer edlen Wünfche , überläfst Och ganz dem Streben nach nähern GenulTe und zur Entfernung der unangenehmen Gefühle, welche das Bedürf- nis und die Sehnfucbt nach jenem erzeugt. Man fteile alfo nur einem Menfcben diefe Dinge aus einem andern Gefichtspunkte dar, man überzeuge ihn, dafs Tugend und Religion für feine Glückfeligkeit unentbehrlich find; man richte feinen Blick auf den künftigen Zu- ftand der Seligkeit und des E!?nds; man lege ihm ans Herz, dafs Gott, ein gerechter Richter, jedem Menfchen nach fei- nem Thun vergelten, denen die im Gu- testbun gedultig ausharren , Ruhm, Ehre, Un- Aerblichkeit , denen aber die Böfes thun, Qual und Angft austheilen wird: feine Grundfätze von dem Guten und Böfen , die ihn bei feiner Wahl leiten , werden eine grofse Veränderung erleiden, fobald er die verfchiedenen Zuftände der vollkommenen Glückfeligkeit undUng! :ck- feligkeit überfiebet , welche von feinem \ er. halten in diefem Leben abhängen , und in je- nem zu erwarten find. Denn da kein Vergrau« gen, kein Schmerz diefes Lebens mit der end- lofen Glückfeligkeit und Ungiückfeligkeit in dem künftigen Leben kann verglichen werden, E 5 f

74 Zweifes Buch.

Po wird er natürlich hei der Beftimmung xu - «•Ülki'ihrlichen Handlungen nicht auf das ver- . tagliche Vergnügen oder Mißvergnügen, wel- che1 fie für diefes Leben haben , fondern dar. auf Ruct.icht nehmen, ob fie fiebere Mittel find, feine künhig«, vollkommene, dauerhafte Glückseligkeit zu befördern,

f. 61.

Wenn Wir die Urfache, warum Menfchen, ungeachtet ihres ernftlichen Strebeiis nach Glückftiigkeit, fich oft durch eigne [Schuld in Unglück bringen, noch uraftändlicher erklären wollen, müfTe.1 wir unterteilen , unter wel- chem betrüglichen Schein die Din- ge dem ßegehrungsver mögen vor- g erteilt werden, Diefes gefchiehet über- haupt durch ein Urtheil, das etwas Falfches von ihnen ausfagt. Um nun den Umfang und die Urfachen diefes falschen Urtheils einzufehen, ift zu bemerken, dafs das Gute und ßöfe auf eine gedoppelte Art beurtheilt wird. Erftlich: das Gute and ßöfe i ft in dem eigent- lichen Sinne nichts anders, als Ver- gnügen und Schmerz. Zweitens: da nicht nur das gegenwärtige Vergnügen |und MLfsvergnügen , fondern auch alles, was durch )• ine Wirk fa m kfrif und Folgen in der entfern- tem Zeit angenehme oder unangenehme Era-

pfin»

Ein und zwznzigßes Kapitel. 7$

nfindurgen erweckten kann, das eigentümliche Object des Brgehrens ift, und für ein WeTen, das Vorftelluugen von der Zukunft hat, be- ftimmend feyn kann, fo werden auch dieje- nigen Dinge für gut und böfe gehal- ten, welche Vergnügen und Schmerz zur Folge haben,

§. 62.

Das falfche Urtheil, welche den Wil* Jen zum Böfen verleitet, beftehet darin, daf$ man diefe veifcbiedenen Yergleichungen nicht richtig anftellt. Da« fehlerhafte Urtheil, wo- von hier die Rede ift, ift nicht dasjenige, wel- ches ein IVlenfch nach wahrfcheinlichen Grün- den von dem Entfcblufs eines andern fällen mag, fondern welches jeder Menfch als falfch eingeftehen mufs. Denn ich fehe es als einen Gruntlfatz an, dafs jedes vernünftige Wefen in Wahrheit nach Glühkfeligkeit ftrebt . welche in dem Genufs des Vergnügens ohne beträcht- liche Zumifchung von Unluft beftehet, und es ift daher nicht anders als durch ein folthes Urtheil möglich, dafs einer mit Willen in den Inbegriff feiner Glückfeligkeit etwas unange- nehmes aufnimmt oder aus demfelben etwas Mögliches auslafst, welches zu Befriedigung und zur Vollendung feiner Glückfeligkeit die- nen kann, Ich weide hier nicht von deuje^

nigen

76 Zweites Bach»

ni^en Fehltritten redest« welche Folgen eines linäbefwind liehen Irrthums find. Denn dirTer v( fdient kaum den Namen eines fallchen Ur- tlieils , fondern von demjenigen fehlerhaften Urtheüe, weiches fclbft jeder Menfch dafüt anerkennen mufs.

§. 63.

F a 1 f c h 9 U r t h e i 1 e in V e r g 1 e i c h n n des Gegenwärtigen und Künfti gen.

Der Verfhnd irrt nie in der Beurtheilung des O-ten und BöTen in Beziehung auf das gegen wattige Vergnügen und Mißvergnügen, Denn das gsofsereVergnügen oderMifsvergnügen ift gerade das , und fo , wie es eifcheint; die Uni; rrchiede und Grade find fo klar und ein- leuchtend, daf\ kein Irrthum ftatt finden kann. Bei V er g lei ch uiig der gegenwärtigen Luft und Uniuft mit d e 111 'künftigen, welche gewöhnlich bei den withiigften Ent- fehl üffen des Willens angeftellt wird, urthei« len wir hingegen oft fehr falfch von dem letztern nach Veifuhiedenheit der Entfernung und des GeCchtspunKts. Objecte. die unferna Auge näher find, erfahrnen gröfser als ent- ferntere, wenn die letzten gleich an (ich gröf- fer find. So ift es auch mit den angenehmen und unangenehmen Gefühlen. j£ie Vergleich-

ungen

Ein und zwanzigßes Kapitel. 77

ungen fallen allezeit zum Vortheil der gegen- wärtigen -und zum Nachtheil der entferntem aus. Die ' meiden IV'Ienichen find wie vet" fchwenderifche Erben, die ein kleines Vermö- gen im Befitz für beller halten, als ein groltes in der Hoffnung; und für den Belitz einer Kleinigkeit rie ' nwartfchaft auf gröfsere Gü- ter fahren laßen. Dals diefes aber ein falfches Unheil fey , muis jeder einräumen, das Ver- gnügen beftehe worin es wolle. Denn gewifs kommt tinft die Zeit, da das künftige Vergnü- gen ein gegenwärtiges feyn , und fleh durch den Vortheil der Nähe in feiner vollen Gröfse zeigen wird« Dann mufs fich der vorfetzliche Irrthuro delTen , der es nach einem faKchen Maafsftabe niaf*, offenbaren. Wäre die Luft des Weintrinkens auf dei Stelle mit Schwächung des Magens und Kopfweh verbunden, welche bei einigen Menfchen nach einigen Stunden gewifs erfolgen , fo würde unter diefen Umm fiänden Hcheilich kein Menlch den Wein [ei- ne Lippen berühren LiTen, wenn er auchüoeh fo grofses Vergnügen daran fände; fo aber fchüttet man ihn täglich- hinunter , und, £2,e- täufcht durch einen kleinen Zeitunterfchieü, wählet man da- Schlimmere. Luft und Unluit kann alfo nach, Verlauf einiger Stunden vrr- Tingert werden; und wie viel mehr mufs das nicht durch eine gröfsere Zeitentfernung bei einem Menfchen gefchchen, der durch richti- ges

78 Zweites Buch.

ges Urtheil nicht das thun will, was einft die Zeil Celbet thun wird, d. h, die üin^e (ich _ iiwüi ti-en , und fie nach dem richtigen ii'sftabe beurtheilen. Auf die'e Weife hl man lic ii felbft in Rücklicht auf das Tffiihl dei Luft und Unlult, und in An- g «icr wdiren Grade der Glückleligkeit Uli ;löclii«iligkeit, Djs künftige verliert ; iiciitiges Verliaitnifs, und das Gegenwärtige wird als das Gröfsere vorgezogen. Ich erwäh- ne j^tzt nicht des falfchen Unheils, wodurch das Abwefende nicht nur verringert, fondern auch in eine Null verwandelt wird, wenn nehmlich Menfchen nur auf den gegenwar- tigen Genufs beJacht find, und um üch denen zu veruchern , den falfchen Schlufs machen, dafs nichts Böfes daraus für fie folgen wüide. Denn da liegt der Fehler nicht in der Verglei- chutig der GrülVe; wovon hier die Kede üb fon em in der falfchen Beurtheilung des künf- tigen Guten und feil als Urfache und Veran« lailang des Vergnügens und Mißvergnügens»

§. 64.

Der G r u n d der falfchenBeurtheilung bei die» fer Vetgleichung fcheint in der S cu w a ch h eit und Eingefchrünktheit unfers Gli- tte s zu liegen. Der Menfcb k^nn nicht zwei angenehme Empfindungen auf einmal, und

faft

Ein und zwanzigßes Kapitel. ~.y

fafl noch weniger ein Vergnügen geniefsen, wenn fein Gemüth von S»;hmerz, erfüllt ift, T a gegei wärtige Vergnügen erfüllt ufifre be- fcbränkte Empfänglichkeit! ganz aus, wenn es rieht Z" matt ur.d e'Wjs wehr als Null ift; es befchäftiget das Gemürh fo fehr , dars kaum eine Vorftellung da Abwesenden Raum findet, Oder wenn aueb eiid^e angenehme Empfin- dungen nicht fo lebhaft find, dafs fie alle Be- trachtung entfernterer Dinge ausfchliefsen , fo jfl doch unfte Abneigung gegen unangenehme Gefühle fo grofs * das febon ein kleiner Grad derfelben alles Vergnügen zerftöhret. Wir fchmecken das Siifse nicht, wenn nur ein wenig Bitteres darunter gemifcht ift. So lange eine Ichmerzhafte Empfindung dauert, hat de* Menfch gar keine Empfänglichkeit für den ge- ringeren Grad der Glück eligkeit. Daher flellt er fich das gegenwärtige Uebel fo gröfs vnr, dafs es mit keinem entferntem in Vergleichi.ng kommt; daher wünfeht er, es koftewas es wolle von demfelben befreiet zu werden. Belege dazu find die täglichen Klagen der Menfchen: Ich wollte lieber alles andere dul. den, als diefs. Nichts kann fo uner. träglich feyn, als was ich jezt leide. Daher find alle Beftrebungen und Gedanken vor allen Dingen auf die Entfernung de.« ge- genwärtiger* Uebels gerichtet, ui d man glaubt, diefa fey die eilte und ßothwendige Bedingung

der

Zweites Buch.

der Gliickfeligkeit , was auch immer darauf folge. Nichts kann nach dem leidenfchahli- chen Unheil den Schmerz, der uns jezt preist, übertreffen, oder auch ihm nur gleich kom- men. Und da d;js Entbehren eines Genuffts, der fich felbft darbietet, ein fchmerzliches Ge- fühl, und da5 oft in einem hohen Grade ilr, wenn das Begehren durch einen nahen verfüh- rerifchen Gegenftand gereizt wird, fo darf man £ch nicht wundern, wenn diefes Gefühl eben fo wie der Schmerz wirket, alle Vorftellungen an das Künftige fchwächt, und uns zwinget, den Gegenftand gleichfam blindlings zu er- greifen.

0, 65.

Hierzu kommt noch, dafs ein abwefendes Gut, oder, welches eben das ift, ein zukünfti- ges Vergnügen, vorzüglich wenn es weniger bekannt ift , feiten der gegenwartigen Unan- nehmlichkeit, fie entlpiinge aus einem Schmers dler einem Verlangen , das Gleichgewicht hal- ten kann. Die Menfch^n find nur zu geneigt, die Grörse deffelben , welche nichts anders ift, als der Grad des Vergnügens, den man empfin- det , wenn es wirklich genoflen wird , zu Gunften einer gegenwärtigen Begierde herab- zufetzen und anzu-ehmen, der V erfuch werde, wenn es dazu komme, der allgemeinen Mei- nung

Ein undzwanzigfies Kapitel. gl

Oung nicht entfprechen ; zumal da He oft die Erfahrung gemacht haben, dafs dafs eisige, was andere priefen, oder fie wohl felbft zu einer Zeit mit Yorgnügen geuoften , zu einer andern unfch mackhaft und ekelhaft war; und daher finden fie nichts an dem , was tu erwar- ten ift , um deflen Willen fie fich einen gegen- wärtigen Gsnufs verfagen mäfsten. Dafs diefe Art zu ur'.heilen, auf die Glückseligkeit des iünfugen Lebens angewandt, falfch ift, mufs Jeder eingerieben , wenn er nicht behaupten will, Gott könne die zur Glückfeligkeit be. fiimmten Wefen nicht glückfeüg machen. Denn was zur Summe des glückfeiigen Zuftandes be» ftimmt , das mufs jedes Wünfchen und ße- gehrungsverraögen angemeffen feyn,

5. 66.

Falfche Urt heile in Betrachtung der Folgen einer Handlung.

UebeT die Ding®, welche durch ihre Folgen gut oder böfe find, und über ihren Einfiufs auf unfern folgenden Zuftand, urtheilt man auf v^rfchiedene Weife falfch. Er ßlich, wenn man glaubt, dafs fie nicht fo viel Bofes zur Folge haben, als doch wirk- lich der Fall ift. Zweitens, man giebt die Wichtigkeit der Folgen zu, bezweifelt aber ihre Gewifsheit; man meint, fie könnten vielleicht Locke's, ir. TheU. F an-

82 Zweites Euch.

anders auffallen, o le^ durch gewifle Miafs- re^eln , als Arbeitfamkeit , üeichicklichkeit und Reue vermieden werden. Dafs jedes die- fer Urtheile ialfch iftf wäre leicht zu zeigen, wenn wir fie einzeln ausführlich prüfen woll- ten. Ich begnüge mich aber mir einer allgemei- nen Bemerkung. Es ift ein fehr unrichtiges und unvernüntSges Verfahren, ein größeres Gut für ein kleineres auf das Spiel zu fetzen, und das nach fehr unQchern Muthmafsungen, ohne eine folche vorgängige Unterfuchung, als die Wichtigkeit der Sacne und unfer Interelle uns nicht felbft zu tätlichen, erfodert. Hie- von kann lieh Jeder überzeugen , zumal wenn er die gewöhnlichen Urfachen diefes falfchen Uf* theils betrachtet»

§. 67.

Einige der gewöhnlichen Urfachen find ; l) Un wi ffen b eit. Derjenige raufs not- wendig falfch urtheilen , der fich nicht angele- gen feyn läfst , fo viel , als in feinen Kräften flehet , richtige KenntnilTe von der Sache zu erlangen. 2) Unachtfamkeit. Wenn ein Menfch auch das, was er weifs, unbeachtet läfst. Es ift gleicbfam eine affectine Unwillen- heit , welche eben fo viel fchädlicheu Einfhifs auf unfer Urtheil hat, als die erftere. Urthei- len ift gleicbfam das Abfcühelsern einer Rech.

XlllLIg

Ein uml zwaazigftes Kapitel. 83

nung, wodurch beftimmt wird, auf wrlcher Seite der Ueberfchufs ift. Wenn man fich nun in einem Theil der Rechnung übereilt, und ver- fchiedene wefentliche Summen übergehet, fo inufs diele Uebereilung nicht weniger als eine vollkommene Unwidenheit fallche Urtheile erzeugen. Die gewöhnliche Urfache davon ift das Uebergewicht einer gegenwärtigen Luft o ler Unlufl, und diefes eine Folge von der Schwachheit des menfchlichen Herzens , dafs es fich von dem 'Gegenwärtigen am (tärklien rühren läfst. Um diefe Uebereilung zu verhindern , wurde uns Verftand und Ver- nunft gegeben, wenn wir üe recht anwen- den , um zu unterfuchen und zu prüfen, und dann endlich zu entfcheiden. Ohne Frei- heit wäre der Verftand zwecklos und ohne Verftand wäre die Freiheit, wo nicht unmöglich doch ohne Bedeutung, Wenn ein Menfch eintiehet, was für ihn gut oder böfe ift, was ihn glückfelig oder elend machen kann , ohne doch einen Schritt thun zu können, um fich dem erftern zu nähern, und von dem letztern zu entfernen, was hilft ihm dann die Eiaficht? Wenn einer die Freiheit halte, in einer. dich- ten Finfternifs herumzutappen , wäre er da- durch befler daran, als wenn er wie eine Waf- ferb'afe von einem heftigen Winde auf und nieder getrieben würde? Ob man von innm oder außen durch einen blinden Stofs getrie- F 2 ben

8$ Zweites Buch.

ben wird, macht keinen grofsen UnterfcHerl aus. Der erfte und wichtigste Zweck, der Frei- heit ift daher, eine blinde Uebereilnrg m ver- hindern . und die voriüglichfte Aeufierung der* ftlben ifti ftille zu ftehen, mit offenen Au^.en mn iich ber/ublicken , und nach dem Verhält- nifs der Wichtigkeit des Gegenftandes alle Folgen von dem, was man thun will, zu über- fchauen. Ich übergehe hier den grofsen Ein- flufs, welchen Trügbeit, Nachläffigkeit, leiden- schaftliche Hitze, die Herrfchaft der Mode oder der Angewöhnung aiif diefe Art von falfchen Urtbeiien meiftentheiis hat. Aber noch ein anderes falfches Urtheil, welches, un- geachtet feines grofsen Einfhiffes, doen viel- leicht noch nicht fehr ift beachtet worde^ kann ich nicht unberührt laffen.

§. 6S.

Falfche Li r t heile über das, was zu unfrer G 1 ü ckf eligk ei t no t h we n-

d i g ilt.

Es ift eine ausgemachte Wahrheit, dafs alle

?vlen!chen GlücLi Ji°keit wüufchen, Allein

in he von einem unangenehmen Gefühl

btfreiet find , fo genügt ihnen leicht an einem

Vergnügen, das nicht weit zu lucben ift, oder

h die Mode einen Werth erhalten hat; in

a iic hch befiied>g\t und glütkfe-

lis

Ein und zwanzigstes Kapitel. 85

lig; und W"ia keine neue Begierde ihre "Ru- he und Giückfeiigkeit ftöhret und ihnen die Augen öffnet, dafs ße noch nicht im Befirz derfelben find, fo blicken ße nicht weiter vor fich. und ihr Wille wird zu keiner Thätigkeit gereizt, um einem andern erkannten oder fcheinbaren Gute nachzustreben. Denn weil wir nicht alle Arten des Guten auf einmal ge- niefsen können, und das eine das andre aus- fchliefst, fo wird unfer Begehrungsvermögen nicht von jedem vorgeftelken gröfsern Gute gereitzt, woferne es nicht als GJückfeligkeit angefehen wird. Hier findet fich eine neue Veranlaflung zu einem falschen Urthcüe, wenn man etwas nicht für nothwendig zur Glückse- ligkeit hält, was doch nothwendig ift. Hier- aus entliehen theils in der Wahl des Guten» dem wir nachftreben , theils , wenn es ein entferntes Gut ift, iu der Wahl der Mittel dazu Verirrungen. In beiden Fällen verfehlt man feines grofsen Endzwecks, und urtheilt daher unrichtig. Die wirkliche oder vermeinte Un- annehmlichkeit der Handlungen , welche Mittel zu diefem Zweck find, trägt dazu fehr viel bei , und es koftet Mühe , ehe fich die Menfchen dazu entfcblieföen, weil es ihnen ungereimt fcheint, fich um der Glückfeligkeit willen unglückfelig zu machen»

F 3 §♦ 69.

86 Zweites Tauli.

§. 69.

Wir können die Annehmlichkeit 'oder Unannehmlichkeit der Din- ge andern,

Die letzte Unterfuchung in diefer Sache be- trifft alfo die Frage: ob es in des Menfchen Gewalt (teilet, die Annehmlichkeit , oder Unan- nehmlichkeit, welche eine beftimmte Handhing begleitet, zu ändern? Offenbar ift das in vielen Fällen möglich Die Menfchen können und füll- ten die Empfänglichkeit ihres Gaumens verbef- fern, um an dem Gefchmackzu finden, was wirk- lich nicht, oder nur in. ler Einbildung unfehmack- hafi: ift. Der Gefchmack des Geifte* ift eben fo v^rfchieden und einer Aenderung fähig-, als die Empfänglichkeit des Gaumens, Und es i(l ein Irxthum. wenn man glaubt, die Menfchen könnten das Widrige und Gleichgültige einer Handlung nicht in Vergnügen und Verlangen verwandeln. Freilich müden wir dabei thun» \V3s in unfrer Macht ftshet. Eine reifliche Ue- berlegung wird diefes in einigen, in den raei- fien Fällen aber Uebung, Anhihfamkeit und Ge- wohnheit bewerkftelligen. Die Handlungen find entweder an fich angenehm, oder in fofe-m fie als Mittel zu einem wichtigen und wünfehens- werthen Zweck betrachtet werden. Das ElTm einer Speife, die gut gewürzt und nach dem Gaumen eines Menfchen ift, reizt vielleicht

fchon

Ein und zwanzigftes Kapitel. 87

fchon das Gemtith durch das unmi'telbar be- gleitende Vergnügen ohne Rücklicht auf einen andern Zweck. Die Betrachtung des angcneh , u. en Zuftandes der Gefundheit und Stärke, wo- zu jene Speife dienlich ift, kann ihr einen ganz ne en G fchmack geben, um defiVn willen man •wohl auch ein weniger fchmakhaftes Nahrungs- mittel geniefsen würde. Eine Handlung wird nehr oder weniger angenehm durch die bloße Betrachtung des Zwecks und den gröfsern oder kleinern Grad der Ueberzeugung von dem Zu> fammenhange zwifchen beiden, ^ber das Ver- gnügen der Handlung felbft wird am beften durch eigne Erfahrung und Uebung empfunden und verftärkt. Die Erfahrung lohnt uns oft mit Diugen aus, die wir in der Entfernung mit Ab- fcheu betrachteten, und durch öftere Wiederho- lung wird manche Handlung, die uns beim er- ften Verfuche mifsfiel, zu einem Gegenftande dos Vergnügens. Angewöhnung und Fertig- keit ift fo anziehend und wirft um das, was ni3n gewöhnlich thut, ein fo reitzendes Ge- wand der Leichtigkeit und Gefälligkeit, dafs man es wenigftens nicht ohne Gefühl der Un« behaglichkeit unterlaffen kann. DieMenfchen vernachläffigen aber diefe Sache, deren Mög- lichkeit fo fehr einleuchtet und durch ihre ei- gene Erfahrung beftätiget wird , gleichwohl in ihrem Verhalten in Rückficht auf ihre Glück- feligkeit in einem folchen Grade, dafs fie es wahr- . F 4 fchein-

8g Zweites EikH.

fcheinlich paradox finden werden , wann man behauptet, dafs fie Objecto und Handlungen mehr oder weniger annehmlich inachen, und; dadurch einer mit Recht dafür erkannten Ur- fache vielen Verirr ungen abhelfen können. Wenn die Mode und hergebrachte Meinung falfche Begriffe, die Erziehung und Angewöh- nung büle Fertigkeiten erzeugt hat, fo wird der VVerth der Dinge unrichtig gefchätit und die Empfänglichkeit der Menfchen verdorben. Diefe zu verbeffern, follte man Geh alle Mühe geben, und die dein Vergnügen widerftreiten- den Gewohnheiten ändern und die Empfänglich* keit auf alles das lenken, was für die Giückfe- ligkeit unentbehrlich oder beförderlich ift. Ie- der Menfch mufo eingeftehen, dafs diefes ia feinem Vermögen ftehet, und wenn fein Glück fich in Elend verwandelt, Geh felbft wegen Ver* nachläffiguag die Schuld davon beirneffen. Und, ift nicht jeder Menfch oft in diefem Fall ge* wefen ?

§. 7o.

Es ift ein o ff enbar verkehrtes Ur> theil, wenn man das Lauer der Tugend vorzieht«

Doch ich will nicht länger bei 'liefen prakti- fchen falTchen Urtheilen und der Vernaehläffi- suns des Gebrauchs der Freiheit verweilen.

Die-

Ein und zwanzigstes Kapitel, 89

Dieter Gegenftand erfoderte ein eignes Buch und er liegt eigentlich aufscr meinem Plan. Auch davon; abgefehen, ift es fchon unbezweU feit gewifs , dafs die Moralität, auf ihren wah- ren Grund geftüti-t, den Willen jedes Men- fchen, der eiuer Ueberlegung fähig ift, beftim- men rnufs. Ein Menfch, der eicht einmal fo weit verniinft»» iß, dafs er übor die unendli- che Glückfeligkeii und Unglückfeligkeit ernfi- lich nachdenket , mufs in feinen eignen Augen als ftrafbar ei Scheinen, dafs er von feinem Ver- ftande nicht den Gebrauch macht, den er Tollte. Die Belohnungen und Strafen eines künftigen Lebens, welche der Allmächtige mit der Befol- gung oder Kichtbefolgung feines Gefetzes ver- bunden hat, um demfelben defio mehr Kraft und Anfehen zu geben, find wichtig genug, um die Wahl des Willens gegen jedes Vergnü- gen, gegen jede Unluft diefes Lebens zu ent- fcheiden , wenn auch das künftige Leben blofs feiner Möglichkeit nach , die doch kein MenTch bezweifeln kann , betrachtet wird. Wer über- zeugt ift, dafs eine endlofe unausfprechliche Glückfeligkeit und der entgegengefetzte Zuftand nur eine mögliche Folge des jetzigen guten und böfen Lebenswandels ift, kann in feinen eignen Augen nicht vernünftig urtheilen, wenn et nicht urtheilt, dafs ein tugendhaftes Leben mit der gewiffen Erwartung eines künftigen ewig dauernden feiigen Zuftandes, dem lafteihaften F 5 Le»

$>• Zweites Buch.

f vorzuziehen ift, womit <!ie Furcht einrs i!"-;nl: s i.rcckl'.i.brn elenden Zulande», n >r noch inflir dir fchreklich ungewille Erwartung de» Vernichtung verknüpit ift, Dieles iit ein- nd, und wenn auch in ciieftm Lebeu mit der Tuprnd lauter LTn£P;nach und mit dem Lalttt ein iir-iiii(t,iurnchenes Vergnügen verbun- den wäre. Und doch verhält fich dieles giöfs. tenthejli ganz anders. Der Lafterhalte hat lieh bej allen feinem Genufs eben keines grofsen Vorzugs zu rühmen und, alles wohl übeilegt. auch hier Tehon den fcblimmftenTheil erwählt. Aber wenn m^n die unendliche Giückfeligkejt in die eine und in die andre Wagfchale die un- endliche Unglückfeligkeit legte, wer würde wohl fo unlinnig* feyn , und es daraufhin wa- gen, geletzt auch das Schlimmfte, das dem Recblfc halitnen, wenn er irrt, btgegrete, wäre das Befte, <'üs der Höfe erlangen kann, wenn er Recht l;„ttr. Wer kann mit Befonnenheit lieh der möglichen Gefahr eines endlofen Elends aussetzen, da er durch das W'ageftüc.k nichts gewinnt, wenn er auch der UngTuckfeligkei't entgeht. Der Rectfchaffene fetzt hingegen die Erlangung der ewigen Gliickfeiigkeit nicht aufs St;iel, wenn feine Ei Wartung eintrifft, Ift lei- ne Hotnung gegründet, fo ift er ewig glückfe li£, (äufcht er fich darin, fo ift er nicht un- glückfeü^, denn er empfindet gar nichts mehr. Auf der andern Seite ift der Bofe nicht glück

fe

Ein und zwanzigftes Kapitel. §T

[elig, wenn er Recht hat, aber unendlich -elend» wenn er fich irrte. Wie verkehrt rnfifue nicht der Verftaud feyn, der nicht auf den erften Bück einfeben könnte, welche Möglichkeit in diefem Falle vorgezogen werden müde? Ich habe hier absichtlich nichts von der Gewifsheit oder Wjbrfcheinüchkeit eines künf igen Lebens erwähnt, da ich blofs die Abficht hatte, das Unheil zu beleuchten, nach welchem das kur- ze Vergnügen eines tafierhaften Lebens unter allerlei Vor wände über alles gefchäzt wird, ein UrtheiJ, deflen Unrichtigkeit jeder Menfch nach eignen beliebigen Grundfätien eingesehen inufs, da er mit Evidenz willen kann, dafs ein künf- tiges Leben zum wenigften möglich ift.

§. 71.

R e f u 1 1 a t.

Ich befchlieffe hier diefe Unterfuchungüber die menfchliche Freiheit. Da ich gleich von An- fange diefer Abhandlung befürchtete, einen Fehler zu begehen, und ein einfichtsvoller Freund feit ihrer Bekanntmachung wirklich einen ent- deckt zu haben glaubte, ob er ihn gleich nicht beftimmt anzugeben wufste, fo fah ich mich genöthiget, dielen Abschnitt noch einmal einer ftrengen Mufterung zu unterworfen. Ich fand wirklich einen kleinen aber kaum bemerkbaren Fehler, dafs ich r.ehmlich ein, wie mir fchien.

gle.ch-

J>J Zweites Euch.

gleichbedeutendes Wort für ein anders» gcPetgü hatte. DicTe Entdeckung bahnte mir den W >g zA folgender Darfteilung, welche ich hier in der aweiten A. gäbe etwas zufammen geerrängt dem Unheil der gelehrten Welt unterwerfe. Frei- heit ift das Vermögen nach ßeftiiumung des Wittens ?u handeln oder nicht zu handeln. Das Vermögen , die wirkenden Kräfte des Men- fchen in beftiramten Fällen zur Wirkfamkeit oder zum Gegeniheil zu beftimmen, ift der Wille. Dasjenige, was in der Reihe von will- kührlichen Handlungen den V\ illen zu einer andern Thätigkeit beftirarat, ift das Gefühl der Uuluft, welche entweder felbft ein Be- gehren (Verlangen) oder doch weni^üens al- lezeit damit verknüpft ift. Das ßöfe erweckt allcztit ein Begehren und denWunfch nachEnt» fernung dclfelben, denn die gänzliche Befrei- ung von Schmerz ift ein notwendiger Beftand- theil unfrer Glückfeligkeit. Ein Gut hingegen, ja auch ein gröfseres, erregt nicht iramer ein Bt- gclircn, weil es entweder an üch oder der Meinung nach keinen notwendigen Theil der Glückfeligkeit ausmacht. Denn obgleich der Inhalt aller unfrer Wünfche nur Glückfelig- keit ift, und diefer Wunfeh zu jeder Zeit und unveränderlich fich. äufsert, fo 'kann doch die Befriedigung einer einzelnen Begehrung aufgefenoben werden, dafs fich der Wille zu keiner dazu beförderlichen Handlung ept-

[chiie-

Ein und zwanzigftes Kapitel. 93

fchliefst, bis gehörig unterfucht ift, ob das ein* zelne fich darbietende Gut, welches der Ge- genftand des Begehrens ift, zu dem Inbegriff der reellen Glückfeligkeit gehört, ob es mit derfel- ben vereinbar oder nicht vereinbar ift. Das Refultat des Urtheils nach diefer Unterfuchung beftimrnt endlich den Menfchen, der nicht frei feyn könnte, wenn fein Wille durch etwas anders als fein eignes durch den Verftand geleitetes Begehren befti in mt würde, ich weifs wohl, d3fs Einige die Freiheit in ei- ner vor der Beftirnmung des Willens vorherge- henden Gleichgültigkeit des Menfchen fetten. Ich hätte gewünfeht, dsfs fse, die fo viel Gewicht auf diefe Gleichgültigkeit Tetzen, möch- ten beftimrot haben, ob öe nicht nur vor dem Entfchlufs des Willens, fomlern auch vor dem Denken und Urtheilen des Verftandes vorher- gehen foii. Denn zwifchen beiden kann Qe nicht wohl eingefcheben werden, weil dre Be- ftiminung de-s Willens unmittelbar auf das Ur- theü des Verftaudes folgt; foii he aber vor dem Denken und Urtheilen vorausgehen, fo fetzt man fie in einen dunklen Zufiand, in dem man nichts wahrnehmen und unterfcheiden kann, und legt fie einem Subject bei, das ihrer nicht empfänglich ift, infofern ein Wefen nur in fo- weii Freiheit hat, als es denkt und urtheilt Ich bin in ^nfeUung der Ausdrücke nicht fo ei- ger.finnig, dafs ich r.icht dtnen, die diefe For-

mal

9*

Zweites i

roel lieben, einräumen Tollte, die Freiheit,! beüehe in einer G 1 e i c h g ü 1 t i gvk r i t, doch i| mii die Ter Befiiinmung, dafs t:e weder durch i. das Urthfil des Verftande«, noch auch durch die i, Eni chliefsung des Willens aufgehoben wii un .1 dafs fie nicht eineGleichgültigkeit des Men- < fchen (denn wenn er geurtkeilt hat, dafs eine Handlung oder das Gegentheil das Hefte ift, fo | ift er nicht weiter gleichgültig) fondern oine : Gleichgültigkeit der wirkenden Kräfte des Men- fcheu ift. Denn die Möglichkeit zu wirken oder nicht zu wirken , bu ibt vor wie i nach der Beftimmung des Willens, und die I Kräfte find in einem Zuftand, den man, wenn man will, G leichgültig k ei t nennen kann. So weit, als diefe reicht, fo weit ift der Menfch frei, aber nicht weiter. Ich habe z B. das Ver- mögen, meine Hand zu bewegen, oder fie ruhen 2u laffen; die wirkende Kraft ift weder zum Bewegen noch zum Nichtbewegen der Hand beftimmt; in diefem Falle bin ich vollkommen trei. Itzt beftimmt der Wille diefe Kraft zur Ruhe; ich bin noch immer frei, weil dieGleich- gültigkeit d. i. die Möglichkeit, zu wirken oder nicht zu wirken vor oder nach diefer Beftim- m ui ^ unverändert bleibt. Davon kann man Geh Überzeugen» wenn der Wille zürn Verhieb.« das G 'jentheil anordnet. Wenn aber meine Hand auf einmal von einer Lähmung oder einer kon- vuluvirchen Bewegung betallen wird, fo hört

die-

Ein und zwaupigfirs Kapitel, 9^

(liefe Gleichgültigkeit und mit ihr meine Frei- heit in tiefem Falle auf, denn es ift eine [V,. turnothwendi^keit , dafs ich dort die Elana nicht bewegen und hier nicht ruhen lallen kann. Ich fette diefes hinzu um zu zeigen, in welcher Art von Gleichgültigkeit mir die Frei- heit zu beliehen fcheint, und um fie von jeder andern wirklichen oder eingebildeten zu 1. titer, fcheiden»

§. 72.

Richtige Begriffe über die Natur und den Umfang der Freiheit find von fo gfoTser Wich- tigkeit, dafs man mir, hoffe ich, diefe Ais- fchweifung verzeihen wird, welche durch den Wunfeh die Siehe aufzuklären , veranlagt wur- de. Die Begriffe vom Willen, dem Wollen, von Freiheit und Nothwe-ndigkeit (teilten firh indie- fem Kapitel ganz natürlich auf dem Wege der Untertuchung dar. In der erften Au^gjbe u'ie- IVs Verfuchs legte ich meine Gedanken über diefun Gegenftand nach meiner damaligen Einb- richt dem Publicum vor; und jezt gefieheich» als Freund der Wahrheit und nicht als ein blin- der Verehrer meiner eigenen Lehren $ dafs fieh meiue Begriffe darüber, und ich glaube nicht ohne Grund, geändert haben. Was ich zuerft frhiieb, war das Refult^t eines läutern unp3r< theiifchen Strebens nach Wahrheit. Da ich aber weder aus Eitelkeit Aufbrüche auf Un- fehl-

g6 Zwcii«» r

feblbaikeit mache,' noch au* Unredlichkeit, um mein Anfehen nicht zu verdunkeln, mei- ne eignen Verirrungen zu verhehlen fli- ehe; fo finde ich keine L'rfacbe zu erröthen, wenn ich, mit dcmfelben lautern Intercfle für Wahrheit « dasjenige bekannt mache, was ich durch eine ftrengere UnteiTuchung gefunden habe. Vielleicht werden manche meine frü- hem Ueberzeugungeut andere (wovon ich fchon di« Erfahrung gemacht habe) die fpä- tern, und noch andere weder jejue noch diefe für die richtigem halten, Diefe Verfchieden« heit in den menfehlichen Mainungen wird mich nicht befremden. Unp- ie Darftellun*

gen ftretti^er Punkte r.. luaUgtünden

find fo feiten, und vollkomu terungen

bei abftraktenBc a] bsi einiger Lan-

ge, fo fchwer( dafs ich Jedem, der nach die- fen oder andern Grundfätzen , die Lehre von der Freiheit von den noch zurückbleibenden Schwierigkeiten befreiet, auch für meine Per- fon lehr verbindlich feyn werde.

Es wird vielleicht nicht nnzweckmäf ig feyn, und unfern Begriffen von Vermögen und

Kraft noch mehr Klarheit geben, wenn wir noch vor Beichlufs diefes Abfchnitts den Be- griff der Thätigheit etwas lchäiier in BsJrach- tung ziehen. Wir kennen , wie ich oben £e- fagt habe, nur zwei Arten von Thätigkeit,

nehm-

Ein und zwanzigstes Kapitel. 97

nehmlich die Bewegung und das Denken, Dafs aber nicht alles, was man darunter rech- net. Thä'igkeit im eigentlichen Sinne ift, wird eine nähere Untcrfuchung lehren. Denn es giebt , wo ich nicht irre, Beifpiele von bei- den Gatturgen , welche nach fchärferer Uuter- fuchung keine Thatigkeiten fbnrlern lei- dende \ eränderimgea und folglich nur Wirkungen leidender Vermögen in denjenigen Subjec en find, w^'che g! ichwohl in Rück- kehr diefer für thafige Wefen gehalten werden. Denn in diefen Fallen erhält die Subftanz, wel- cher eine Bewegung oder ein Denken beige- legt wir!, einen Eindruck von außen, der fie in Thätigkeit fetzt, und lle wirket blofs durch das Vermögen , folche Eindrücke von äußern Gegenftänden aufzunehmen, Diefes Vermö- gen ift alfo im eigentlichen Sinne kein t h a t i- ges Vermögen, fondern eine blofse lei- dende Empfänglichkeit des Subj*>cts. Zu- weilen fezt fich eine Subftanz durch ihre ei->ne Kiafr in Thätigkeit, und das ift eigentlich das felbftthätige Vermögen, die thätige Kraft Je- de Beftimmung einer Subftanz . wodurch fie Wirkungen hercorbrinot, heikt eine Thätig. keit (action). So witkt z. B, eine körper- liche Subftanz auf eine andere durch Bewe- gung und verändert ihre Befchaffet hohen ; die- fe beftimmte Bewegung nennen wir eine Thä- tigkeit. Aber n^ch ftrengern Begriffen ift die- Locke'». II. Theü. G fe

yS Zweites Buch.

fe Bewegung eines Körpers , wenn He von einem andern mitgctheilt war, ein blof*e> Lei- den. Eine Siibftanz, welche Weder üch noch eine andere aus de« Kühe iu l ewegung ver- fetten, oder die Bewegung felbi.1 anfangen kann, befitzt alfu keine i aalige Bewegung*- kraft. So ift e> auch beim Denken. Das Vermögen durch die Wirkung der Allmendinge Yorftellungen zu empfangen, wird gewöhulich die Denkkraft genannt; allein es ilt eine blofse Empfänglichkeit, ein leiden- des Vermögen. Hingegen Vorfiellungen willkührlich in» Bewufstfeyn zurückzuru- fen, und fie mit einander zu vergleichen, daa ift das felbfttbätige Vermögen. Diefe Bemerkung beugt manchem Irrthuin vor, wo- zu die Grammatik und der gemeine Sprachg«. brauch leicht verleiten kann. EinVerbum, wie es die Sprachlehrer nennen , bedeutet nicht al* lezeit eine Thätigkeit. Z B. in den Redensar- ten, ich fehe den Mond, ich fühle die Hitze der Sonne. Hier kommt keine Thätigkeit vor, wodurch ich auf diefe Dinge wirke, fondern nur ein Empfangen von Vorl.sllungen , die lieh mir bei der Lage meines Auges und meines Körpers aufdiingen, und wobei ich mich blofs leidend verhalte. Wenn ich aber meine Augen auf einen andern Gegenftand richte, oder den Körper aus den Sonnenftrahlen entferne, dann bin ich eigentlich thätig, denn ich fange diefe

Bs-

Ein und zvrsnzigRcs Kapitel. pg

Bewegung willkührlich nnd felbfhhätlg an. Eine folehe Thati gkeit ift das Proauct ei- ner f e 1 bittli ätigen Kraft*

§. 73*

Diefes ift alfo eine kurze UeberGcht vott unfern urfpr üngli che n Begiiffen, aus welchen alle übrigen abgeleitet und zufammen- £efetzt werden. Wollte man fie philo;ophi<ch behandeln, und ihre Urfachen und ihren In- halt untersuchen, h könnten fie vielleicht auf folgende wenige Hnuptbegriffe zurückgeführt werden. Ausdehnung, Dichtheit, Be- weglichkeit oder das Vermögen bewegt zu werden; diefe erhalten wir von Körpern durch die Ssrne : V or ft e l lungs f ä higke i t, das Vermögen vorzugehen oder zu denken; ße- w eg u n gsf ü h igk e i t , das Vermögen zu be- Wegen; diefe erhalten wir durch die Reflex- ion von unferrn Gemüthe. Wenn wir zu die- fen noch hinzufetzen : Exiftenz, Dauer, Zahl, welche zu beiden gehören, fo haben wir vielleicht alle urfprüngliche Begriffe , von weichen alle übrigen abhängen. Denn durch. £e möchte man wohl im Stande feyn , die Na- tur der Farben, der Töne, der Geruchs- und Gefchmacksemphndungen und aller übrigen Vorftellungen zu erklären , wenn nur unfre Sinne fcharf genug wären, die mannichfahi^en G 2 Mo-

ioo Zweites Buch.

Modifikationen der Ausdehuung und Bewe- gung in den kleinen Körpertheilen, welche d.iefe Empfindungeu erzeugen, wahrzunehmen. Da aber die Unterfucbuug der Erkenntnifs von dtn Dingen durch Vorftellungen , welche die Seele vermöge ihrer Einrichtung von den Dingen empfängt, und der Art und VVeiTe, wie der inenfehliche Getft zu diefer gelangt, nicht aber die Unterfuchung über die Urfachen und die Entftehungsart diefer Vorftellungen, den G - genftaud diefer Schritt ausmacht, fo wäre eine philofophilche Nachforlchung über die Ein- richtung und Bildung der Körper, wodurch fie lene Vorftellungen in uns erzeugen, zweckwi- drig. Ich bemerke daher uur noch folgendest Gold und SafFran haben das Vermögen, in uns die Vorftelluug von der gelben fo wie Milch und Schneö die von der Weifsen Faibe hervor- zubringen, Wir erlangen diefe Vorftellungen duich das blofse Sehen ohne weitere Unterfu- chung über das Gewebe diefer Körper oder über die Geltalt und Bewegung der von ihnen abprallenden 1 heile, wodurch die Empfindung verurfacht wird. Wenn man ab« über diefe Vorftellungen hinausgehet, um ihre Urfachen zu erforfchen, fo läfst fich an den Objecten nichts anders als die Größe, Geftalt, Zahl, Ge- webe und Bewegung der feinden Theile als Urfache der Vorftellungen denken.

Zw«

Zwei und zwanzigstes Kapitel. 101

Zwei und zwanzigfies Kapitel.

Von gemifchten Beftimmungen.

Was geiuifchte Beftimmungen find.

In den vorhergehenden Kapiteln habe ich von den einfachen Beftimmungen ge- handelt, und durch Beifpiele von den merk würdigften gezeigt, was fie find, und wie wir die Begriffe derfelben erlangen, Iezt kommt die Reihe an die gemifchten Beßimmun- gen, das ift, zufamraengeretzte Begriffe z, B. Verbindlichkeit, Trunkenheit, eine Lüge, wel- che aus der Verbindung einfacher verfchie- denartiger Vorftellungen beftehen. Durch die Benennung gemifchte Beftimmungen wer- den fie von den einfachen Beftimmungen un- terschieden , welche zwar auch eine Verbin- dung einfacher Vorftellungen abeT nur einar-

G 3 ti

I©2 Zweites Buch.

tig er enthalten. In fo fern fie nicht folche Verbindungen einfacher Vorftellungen. welche als charakteriftifche Merkmale eine» realen bo- lurrlichen Wefens betrachtet werden, fontlern Verbindungen zerftreuter unabhängiger Vorftel- lungen Gnd, die nur durch den menfehüchen V«r- Itaud Einheit erhalten haben, fo unterfcheiden fie fith dadurch von den zufammcngefetzt«u Be- griffen d«r Subftanien,

§. 2.

Sie werden durch den Verftsnd ge- bildet.

Di« Erfahrung lehrer, dafs f;ch der Verftand in Rückficht auf die einfachen Vorftellungen blos leidend verhalt ; denn er erhalt he durch dasDafeyu und die Wirkung der Dinge, fo wi& fiedie Empfindung und Reflexion giebt, und er kann freine einzige derfelhen eigenmächtig her- vorbringen. Die Vorftsllungen , von denen hier die Rede iß, entftehen aber auf eine ganz andre Art, Der Verftand a u fsert nehin- lich bei Bildung derfelhen oft ein thätiges Vermögen. Denn wenn ihm einmal einfache Vorftellungen gegeben find, fo kann er de auf verschiedene Art verbinden, und ein« grofse Mannichfaltigkeit von zufammengefezten Vorltellungen daraus bilden, ohne dafs er da- bei uiiterfuchet j ob fie fo in der iSatur zufam-

men

Zwei und zwanzigßes Kapitel. 103

tren angetroffen werden. Daher nennt man, wie ich glanbe, diefe Vorftellungen Verftan- desbegrifFe, (N 0 t i on s) als wenn fie ihren Urfprung und ihr Dafeyn mehr in dem raei Tch- lichen Denken als in einem aufser demfelben befindlichen Dinge hätten. Zu ihrer Bildung ift nur erforderlich, dafs der Verffand die ein- zelnen Beftandtheile zufammenfetzt, und dafs fie in einen Begriff vereinbar find, nicht aber die Unterfuchung, ob fie objective Realität ha- ben. Hiermit will ich aber nicht leugnen , dafs rieht einige aus der Beobachtung entlehnt feyn können, indem gewilfe einfache Begriffe in der Erfahrung fo verbunden vorkommen, als fie der Verftand verbindet. Derjenige, der zuerft den Begriff von Heuchelei bildete, konnte ihn durch die Beobachtung eines Menfchen, der den Schein von guten Eigenfchiften an- nahm, die er nicht befafs, erhalten haben; es ;>ber auch möglich, dafs er ihn wilikührlich, ohne ein folches Vorbild vor Augen zu haben, bildete. Denn es ift einleuchtend, dafs, als die Sprachen und die menfehlichen Gefellfchaf- ten fich zu bilden anfiengen, verfthiedene von diefen zufaniinengefetr.ten Begriffen , welche eine Folge von 'ge willen in der Gefellfch>ft ge- troffenen Einrichtungen find, in dem Verftan- de der Menfchen exiftieren mufsten, ehe ihre Cbjecte noch irgendwo anzutreffen waren, Di« V/orte, die fie bezeichneten, waren fchon im

G 4 Ge*

2<H Zweite» Buch.

Gebrauch und folglich die Begriffe gebildet, ehe Hie Verbindungen , welche fie anzeiget.», iui Wirklichkeit gekommen waren.

§. 3.

Man erhält diefe Begriffe zuwei- len durch die Erklärungen ihrer Werte.

Da jezt die Sprachen gebildet find, und eine Menge Worte für folche Zulairimenfetzungen enthalten, fo ift die Entwickelung ihrer Sprachzeichen eine gewöhnliche Art, diefe zufammengefetzten Begriffe felbft zu bilden. Denn diefe Begriffe, welche eine Verbindung einfacher Vorftellungen enthalten, können durch die Worte, welche die einzelneu Vorftellungen anzeigen, fobald man fie verliehet, vorgeftellt werden, wenn gleich jene Verbindung an kei- nem wirklichen Objecto vorkommt. So kann ein Menfch, der weder durch eigne noch frem- de Eifohrung etwas von einem Kirchenraub oder Mord weifs, ditie Begriffe durch die Aus- zählung dar in den Worten ei». halteneu einla- chen Vorftellungen erlangen.

I

Zwei und zwanzigßes Kapitel. jo5

§. 4-

Worte vereinigen die Beftand- t h e i l e der g e rn i f c h t e n -B e ft i rn ra- un g e n in einen B e g t i ff.

Da jede geraifchte ßeRimmung aus verfchiedenartigen einfachen Vorftelluneen be- ftehet, fo fcheint die Frage nicht ungereimt: woher de ihre Einheit haben und war- um gerade diefe beltimmte AazahJ von einfa- chen Vorftellungen einen Begriff ausmacht, da doch diefe Verbindung nicht allezeit in der Na- tur vorkommt? Offenbai erhält lie ihre Einheit durch eine Handlung des Verbandes , weicher diefe verschiedenen einfachen Vorftellungen ver- einiget und das Ganze als einen aus diefen Be- ftandtbeilen zufammengefezten Beguff betrach- tet. Das Kennzeichen der Vereinigung oder das, was fie, wie man glaubt, vollendet, ift die Bezeichnung des Begriffs durch ein Wort. Denn gewöhnlich beftimmen die Menfchen die Anzahl der mancherlei zufamrnengefetzten Be- griffe blos nach den vorhandenen Worten; wo es an diefen fehlet, fo betrachten fie feiten eine Anzahl von 'einfachen Vorftellungen als den In- halt eines zufam mengefetzten Begriffs. Die Er- mordung eines alten Mannes ift nicht weniger Stoff für einen zufammengefeizten Begriff, als die Ermordung eines Vaters; da es aber für je- ne That kein befonders Wort giebt, wie für (* ri diefe

\

diefe da* Wort Vatermord, fo Verden diefe ( ..:-!nen V:.? Heilungen nicht in einen Bt

;:ge;afst,

§• 5. Die Ur fa che ihrer Bildung. Wenn "«vir weil er unterfucben, worin der Grund He»r. dafs die Menfcheu einige einfache Vorftellung-n verbinden, und daiais verfchie- dene gleich Tarn flirte Beftimmungen bilden, und da-, boi andern Vorftellungen, die ihrer Na- tur nach eben derfelben Verbindung fähig find, unterlaffen, fo werden wir finden, dafs der G.-und davon in dem '/werk der Sprache lie^f. Diefpr i(t kein andrer, als die Bezeichnung und möglichft fchnelle Mntheilung menfchlicher Ge- danken. Daher vereinigen die Menfchen ein- zelne \orPelIüngen in zufammengeTeUte Be- griffe, ui > diefe mit Worten, wenn fie in ihren VerhältnüTen und in dem gefell- fchaftlicben Leben oft vorkommen. Andere hingegen, zu denen Geh Teilen eine Veranlaf- fung findet, laiTtu fie ifoürt und ohne Benen- nung, wodurch fie zur Einheit verbunden wer- den, und Hellen fie lieber, wenn es nöthig ift, einzeln mit ihren befondern Worten dar, als dafs fie ihr Gedächtnifs mit fo vielen zufammen- geTeuien Befüllen und ihren Sprachzeichen belaftigen frühen, zu deren Anwendung fie fei- ten oder nie Gelegenheit finden,

§♦ 6*

Zwei und swanzfgftes Kapitel. 107

Warum es Worte in einer Sprache giebt. denen keins in einer an- dern entfpricht.

Hieraus erhellet die Ur'ache, warum in jeder Sprache mehrere einzelne Wor- te vorkommen, welche durch einzel" ne Worte in andren Sprachen nicht zu überfetzen und. Denn die verschiede- nen Gebräuche. Gewohnheiren und Sitten des einen Volkes machen verfchiedene Ideenver- bindungen gewöhnlich odf>r r.othweruüg. zu de- ren Bildung oder Bemerkung in einem andern alle Gelegenheit fehlet; an diefe knüpfen Geh Von felbft gewifle Worie an, um in dam tätli- chen Umgänge lange Umfchreibungen voja be- kannten Dingen zu vermeiden, wodurch lieh zuletzt in ihrem Gemütbe diefe zu fam mengefetz- ten Begriffe bilden. Von diefer Art war das Wort OTtracismus bei den Griechen und Profcriptio bei den Römern; man findet Für fie in andern Sprachen kein vollkommen ansprechendes Wort, weil fie zufa-ümengefetzte Begriffe bezeichnen , welche bei andern Natio- nen nicht gefunden werden. Wo diefe Ge- wohnheit nicht war, da fehlte es auch an ei- nem zufammengefetzten Begriff und Weite zur Bezeichnung denselben.

'c8 /wcit*s Buch.

§. 7. ;

Warum fi r li die Sprachen ändern«

?^irht weniger leuchtet hieraus dieUrfa- thc von der Veränderlichkeit der S[> rächen ein. Neue Ausdrücke werden auf- g.-iuinu.H n nn Jaite kommen aus. dein Gebrauch, vweil ilitt Veränderung in den Gewohnheiten und Meinungen tiene Ideeuverbindungen einführet« und dieTe machen neue Ausdrücke zur Vermei- dung langweiliger Umfebrcibungen nothwendig, •weil fieGeseriftande betreffen, über welche man oft zu denken und zu fprechen veranlafst wird. Es entliehen alfo neue Arten von zufammenge- fir&ien Berufen, Welche Manuichfdltigkeit von verfchiedenen Vorftellurgen auf diefe Art in einen Ausdruck zwfammeugefafst und wie viel Zeit und Worte durch diefe erfparet wird, kann j*der einfehen , wenn er Geh die Mühe giebt. , alle Vorftellungen aufzuzählen, welche' durch die Worte gerichtliche Frift und Ap- pellation br zeichnet werden, und wenn er durch eiue Umfchreibung ihren Inhalt -für ei- nen andern verständlich zu machen fucht.

§. 8*

Wo die gemifebten Berti in raungen e x i ft i r e n . Ob ich gleich weiter unten, wenn ich von den Worten und ihrem Gebrauch handle, Ge- le

Ein und zwanzigßes Kapitel, U9

legenheit finden werde, umftändlicher von den Sprachzeichen der gemifchte:) Beltiinuungen zu handeln, fo konnte ich doch nicht umhin, hier etwas davon zu beiühren. Denn da iie ver- änderliche und vergängliche Verbindungen ein- facher Vorftellungen lind, die nur in dem Ver- ftande ein kurzes Dafeyn haben , und nicht länger dauern, als fie gedacht werden, fo wird ihnen nur in den bezeichnenden Worten eine Art von beharrlicher und dauer- hafter E x i ft e n z g e ü c h e r t. Daher kön- nen in die Fem Falle die Worte ftibft fiir die Be- griffe genornmen werden, Denn wenn man fragt, wo die Vorftellung eines Triumphs oder der römifchen Apotheofe exiftire, fo kann man nicht fagen , in den Objecten felbft, Weil es Handlungen find, die in der Zeit nach und nach gefchehen, und niemals voilftändig und zugleich exiflireu ; und in dein Verftande, wo fie ei- gentlich anzutreffen feyn follen, haben fie nur ein fehr unftetes Dafeyn, Daher knüpft man fie gerne au Worte, durchweiche fie wieder ins Bfcwufstfeyn gebracht werden.

%. 9.

Wie wir die Begriffe von gemifch- ten ß e ft i m tu u n gen erlangen.

Es giebt alfo drei Wege, aufweichen wir die zufainuiengefetzten Begriffe von gemüchten

Be-

iio Zweit« Buch.

Beftiminungen erlangen, i) Durch die Er fah» tu 114 nu'l die Beobachtung der Dinge !t. Wenn wir z. B zwei Meufchen iech« i ringen fcheu , fo bekommen! wir den \ thieu und Ringen. 2) Durch I u ii g oder willkülirlicht Zurararnenfetz- rfchiedener einfacher Voiftellungen in i ei [lande. So hatte der Erfinder der Buch, druckerei u$<j dtr Kupferflecüerkunft einen Be- grifl davon in feinem Verftande, ehe beide hünde exiftirten. 3) Die gewohnlicbfte Art und Weife ifi aber die Zergliederung der Worte von nie gefehenen Handlungen oder nicht, anfchauiichen Begiifieii, indem man da- durch alle VoritellungeD , welche ihre B.fiand- thede ausmachen, aufzählet und gleichfam der Einbildungskraft einzeln vorführet. Wenn un- fer Gedächuiifs mit einfachen Vo. ftellungen durch die Sinne und die Reflexion bereichert ift, und wir durch dt;ri Gebrauch ihre Sprachzeichen ge- lernt h^ben , fo können wir durch die letzten jeden beliebigen zufammengefetztf n Begnil ei- nem andern vorstellig machen, fo d*fs er in demfelben fich nichts anders, als iliin fchon bekannte Vorftellungen mit denielben Sprach- zeichen, als wir, vorfteilet. Denn alle zuTarn- rnengefetzte Begriffe lafsen Geh in einfache Vorftellungen auflöfen, wenn auch ihre nach- ften Beftandtheile wieder zurammer>gefetzte Be- griile lind. So enthält z. B. der BegrifF, den

das

Ein und zTrfSaiwÄgfiesyjSapitel. uz

i

das Wort Lüge bezeichnet, folgende Beitand- Jheile: articulirte Töce, gewifle Yorftellungen in dem Gimüihe des Sprechenden, Worte zur Bezeichnung deife'bea und eine von dem Silin d*s Sprechenden abweichEr.de Verbindung der Worte durch Bejahung oder Verneinung- Ehen das kann mit alleu fcnfeinrmerigefettteu Begriffen gefchehen, ihre Eeftandi :eiie mögen einfach, od. , <>ngeffcLzt feyn, fo köncen fie doch.

. iX in einfache VurftpHung^n anfgfelöfst wer« den, und diefe find die Materialien aller Er- keuntnifs. alles möglichen u.id wirklichen Den- kens, Wie grundlos die B.-«'orgnifs fey, der menfchliche Verltand möchte da urch auf eine zu dürftig« Anzahl von Vriffteüungen einge- fch änkt werdf-n, erhellet fchon daraus, wenn man die unzählbare Merige von einfachen Be- ftimmungen, welche die Zahl und die Figur darbieten, betrachtet« LTnd wie wenig man Armuth in Aufehung der gemifchtenBeftimmun« gen zu befürchten habe, läf-s t üch fchon daraus fchliefsen, dafs fie mannichfaltige Verbindungen der einfachen Vorftelluisgen und ihrer Modifi- cationen fiud. Koch vor Beendigung diefes Werks wird es Jedermann einleuchtend wer- den, dafs er zur Ausbreitung feines Denkens einen nur zu grofs^n Spielraum hat, wenn gleich alle Gedanken auf einfache Vorftellungen zu- rückkommen und die letzten nur durch die

Sin«

112 Zweites Buch.

Sinne, die Reflexion und ihre verfchiedene Ver- bindungen entliehen.

*°.

Ei verdient eine eigne Unterfuchung, wel- che einlachen Vor Heilungen am raei- ften modificiret, und aus welchen die m e i lt c n gemifchten ßeltinimungen gebildet und in Worte gefafst find. Es lind diele drei, das Denken, die B \ve2un2 (weiche alle Thaügkeiten in fich fallen); Ver- mögen und Kralt, als Grund diefer Thätigkei- ten- Thätigkeit bezeichnet den grofsen Wir- kungskreis der Menfchen , und das einzige Object, worauf fich Gefetze beziehen. Es ilt daher ganz natürlich , dafs die mannichfalii- gen Modifikationen des Denkens und der Be- wegung beobachtet, in Begriffe gefafst, indem Gedachtnifs aufbewahret, und mit Worten be- zeichnet wurden. Hierauf beruhet die Mög- lichkeit aller Gefetze; ohne das könnten Lafter und Unordnungen nicht in Schranken gehal- ten werden, und überhaupt keine Verbindun» geu unter Menfchen beliehen. Um deswillen haben lie die verfchiedenen MoJiricationen der Thätigkeit in Rückficht auf ihre Urfachen Mittel, Objecte, Zwecke, Werkzeuge, Zeit und Ort und andere Umftände, u. f. w. auch die Vermögen dazu in Begriffe gefafst und mit

Wor-

Zwei und* zwauzigftcs' Kapitel. 113

Worten bezeichnet. So ifi Drenftigkrir das Vermögen vor andern ohne Furclit und Verle- genheit auf beliebige Art iu handeln und zu tprecben; für die Dreuihgkeit im Reden ha- ben die Griechen ein eignem Wort ttz^ictiz, Das Vermögen; etwas zu thun, heiTst Fertig- keit, wenn es durch öftere Wiederholung der; felben Handlung erworben ift; Heng aber, wenn es bei jeder Gelegenheit in wirkliche Tbat auszubrechen fueht,

|i ir»

Einige Worte Scheinen eine T h ä- - tigkeit anzuzeigen, bezeichnen aber b I o f s eine Wirkung.

Das Vermögen i(t die Quel'e ai'?r Thä'ig- keit. Wenn die Subftanz,, Welche ein \ "ermö- gen befitzt, daflelbe durch eiue Handlung auf- fert , To hei (st fie U r f a c h e. W i r k 0 ngen fir.d aber die Snbftanzen oder die Objecte ein- facher Vorftellungen , welche durch die Kraft1- äufferung in einem Dinge hervorgebracht wer- den. Die ThSfcigkeit . wodurch eine neue Subftanz oder Vorfteliucg hervorgebiacht wird, heifst in dem Whk'enden Subjecte eiue Hand- lung, in dem erzeugten oder veränderten Objecte aber ein leiden. So mannichfajtig rtun aber auch die Triftigkeiten, und f a ft unend- lich verschieden die Wirkungen find, fo latfen Locke's II. Tkeil. H üe

114. Zweites BucJi,

fie fich doch bei denkenden Wefen nur als Modifikationen des Denkens und Wollen«, und bei körperlichen Subftanzen al» Modificatiooea der Bewegung denken. Denn ich mufs gefte- hen , dafs ich a'fler diefer von keineT Thätig- keit, welche Wirkungen hervorbringt, einen Begriff habe , und jede andre Kraft ift fo weit aufler dem Kreife meines Vorfiellens, Denkens und Erkennens und fo unbekannt, als fünf andere Sinne für mich oder die Farben für einen Blinden find. Daher zeigen Viele Wor* te, welche feine Thätigkeit z u - b ff- zeichnen fcheinen, gar keine Hand- lung oder Wirkungsart fondern nur die Wirkung mit gewiflen Umftänden der wir- kenden Urfache, und des leidenden Subjecti an. So enthält z. B. das Wort Schöpfung, Zernichtung keine Vorftellung von der Hand- lung oder; WirkungsaTt, Tondern nur von der Wirkung und der Urfache. Wenn der Bauer fagt, die Kälte macht das Waffer gefrieren, fo wird dadurch nur die Wirkung, dafs das Waf- fer, welches vorher flüfüg war, nun hart und dichte ift, aber nicht die Wirkungsartj wodurch das gefchieht, angezeigt.

§. 12.

Es ift wohl überflüfCg, hier noch zu be- merken, dafs, obgleich Kraft und Tüätjgkeit

den

Zwei unil zwaHzigftes Kapitel. II J

den »rarsten Theil der gemeinften und durch Worle bezeichneten gemifchten Beftimmungen ausmachen , doch andre einfache Vorftellungen nebft ihren Verbindungen dabei nicht ausge« /chloffen find, Noch weit weniger notwen- dig ift es aber, alle gebildete und {mit Worten bezeichnete gemifchte Beftimmungen aufzuzäh- len, denn da müfste man ein Wörterbuch der meiden in den Willen fchaften vorkommenden "Worte fchreiben. Mein gegenwärtiger Zweck erloderte nur fo viel, dafs ich die Begriffe von gemifchten Beftimmungen erklärte und zeigte» wie fie entfiehen, und dafs fie aus den ein- fachen Vorftellungen der Sinnlichkeit und der Reflexion gebildet werden. Und diefs ift, wie ich hoffe, gefchehen,

Drei und] zwanzigstes Kapitel.

Von unfern zufammengefezten Be- griffen der Subltanzen.

§. x.

Wie die Begriffe von Subftanzen entliehen,

Indem dem Verftande , wie fchon erklärt

worden , eine grofeß Anzahl von einfachen

H % Vor-

Il6 Zweites Buch.

Vorftpllnngen, iheils durch die Sinne, inCofcrn fie an ändern Objecten angetroffen werden. th»üs »UiTch die Reflexion über die Wirkungen der Seele zngeführet werden , fn bemerkt er auch, dafs eine gewiffe Anzahl einfacher Vor- ftellnngeu immer mit einander vergefellfchaf-' tet ift. Diefe werden in ein Subject rereiniget und zu defto gefchwindem Mitiheilung det Gedanken mit einem einzigen Wort bezeich- net, weil man vorausfezt, dafs He einem Din- ge angehören, und weil die Worte fleh nach der gemeinen Vorftellungsart richten. Diefe Begriffe find eigentlich Verbindungen mehrerer Vorftellun^en , aber aus Mangel an Aufmerk- famkeit werden fie als einfache Bi^riffe betrach- tet. Denn da wir uns nicht vorftellen können, wie diefe einfachen Vorftellungen an fich fub- fißiren können, fo gewöhnen wir uns, ein ge~ wiffes Su b ff r at vorauszufetzen . in welchem, fie befteh^n , und woher fie entfpringen , wel- ches wir dann eine Subita uz nennen. *j

*") Locke handelt in diefero Kapitel nicht von der Subßanz überhaupt, fondern ynn den Arten deiMben ; und zeigt , wie wir zu Regiifh-n von, den lezrer« gelangen. Da aber dnt Hauptmerk- mal diefer zufanimengefetzten ttegi ifle dei Betriff Subftauz iit _ em Begriff, von welchem Locke

gefreut;

JDiei und zwanzigftes Kapitel. I»7

§■ 2.

Von dem Begriff Subftsnz über.

h a u p t.

Wenn -man alfo über den Begriff von jler blofsen Subftanz überhaupt nach- denkt, fo wird man finden, daTs er nichts anders enthält , als die Vorausfetzung von «inern unbekannten Etwas, welches denjeni- gen Eigenfchaften, welche vermögend lind, Vorftellungenin uns zu erzeugen, und gewöhn* lieh Accidenzen genennt werden» zum H $ Grun-

gefteht, dafs er ficli weder ans der Empfindung noch aus der Reflexion erklären Lfle, i B 4 Kap. §. ig; deflen Realität er auf keine andre Art begründen kann, als dafs er fagt, wir wä. ren genikhiget, ein Subftrat der einfachen Vor- fiellungen vorauszufetzen, weil fie nicht an lieh fubfiltiren können, 2 B. 23 K §. 1.; fo war kein Wunder , wenn er fchon von Zeitgenoflen befchuldiget wurde, er mache den objeetiven 'Gebrauch diefes Begriffs verdächtig, indem er ihn blosj auf fubjeetive Vorfiellung und Ge- wohnheit gründe. Gegen adiefe Belchuldigung vertheidigte fich diefer Philofoph durch die Unterfcheidung zwifchen derSubftanz und dem Begriff derfelben. Dafs es Subfianzen in dei" Welt gebe . wolle er weder leugnen noch be- zweifeln, nur behaupte er, dafs man keiner* deutlichen Begriff von dem habe, was eine Sub- ita ns fey.

Hf Zweites Buth.

Grunde liegt. Auf die Fraget was ift das Sub- ject von den Farben und der Schwere, k^un inan nichts anders antworten, als: die dichten ausgedehnten Theile. Aber was ift das Sub- ject von der Dichtheit und Ausdehnung? Bei diefer Frage wird man eben fo in Verlegenheit feyn, als jerfer Indianifche Philofoph, der be- hauptete, die Welt werde von einein großen Elephanren getragen. Als er gefragt wurde, worauf d^r Elephant ruhe, fo gab er zur Ant- wort auf einer grofsen Schildkröte. Man drang von neuem in ihn , was diefe Schildkröte mit ihrem breitenUücken unterftüze; er erwiederte: es fey etwas, von dem er nicht wiffe, was es f e y. Und fo fprechen auch wir in allen FäÜpn , wo wir mit den Worten keine klaren und beftimmten Begriffe verbinden, wie die Kinder, welche auf die Frage, was eine Sache fey, die fie nicht kennen, fogleich diefe(nur für fie befriedigende Antwort geben; es fey ein Etwas, Allein diefer Ausdruck, von Kindern oder Männern gebraucht, bedeutet doch in der That nicht mehr, als das fie nicht willen, was die Sache ift, und wenn üe auch vorgeben fie zu kennen, fo haben fie doch keinen deutlichen Begriff davon. Der Be. griff, den wir mit dem Wort Subftanz be- zeichnen, bedeutet alTo nichts, anders, als das vor.usgefeute aber unbekannte Subject der Eigenf6hafien , welche wir in der Erfahrung

fin-

Drei und Ewantigfle« Kapitel. tig

finden, und die wir unj nicht ohne etwas Sub- fiftirendes, in welchem fie enthalten find, den- ken können,

§. 3. Von den Arten der Subftanzen.

Wenn auf diefe Art der dunkle und rela- tive Begriff von der Subftanz überhaupt gebil- det ift, fo gelangen wir zu Begriffen von be- fnndern Arten von Subftanzen, indem wir diejenigen einfachen Vorftellungen in ei- nen Begriff zufammenfaffen , welche nach der äußern Erfahrung und Wahrnehmung zufara- men exiftieren, und wie man vorausfezt, aus der innern befondern Einrichtung , oder aus dein unbekannten Wefen diefer Subftanz ent- fpringen. So entftehen z. B. die Begriffe von einem Menfehen , einem Pferde, von Gold, Waffer u. f. w. Ich berufe mich auf eines je- den Menfehen Erfahrung, ob wir von diefen Subftanzen einen andern klaren Begriff haben, als dafs die Objecte gewifler einfachen Vorfiel" jungen zugleich mit einander exiftiren. Die Verbindung der beftändigen an dem Eifen und dem Diamant wahrnehmbaren Eigenfchaften macht den wahren zufammengefezten Begriff von diefen Subftanzen aus, welche ein Schmid und Juwelirer beffer kennt, als ein Philcfoph, H 4 fo

l2o Zweite« Bück,

fo viel auch der letzte von inbftanziellen For- men [Yh.\ rzt. Dab^i ift ahrr noch zu bemei' ker> , dafs auffpr dem Inbegriff von allen dielen einfachen \ (»rfteliunge« , noch ein dunkler Be griff von eifern Etwas, 'Vulchem je- ne angehören und worin f i e ihr Da- feyn h a b n n, in (Jen ztifarnmengeretzten Be- |;riffpu von S'ibftanzen enthalten ift. Wenn man daher von einer Art von Subftanz fpricht,* fo Tagt man allezeit, fie fey ein Ding mit die- len oder jenen Eigenfchaften ; z. B. eiu Körper ift ein Ding, welches Ausdehnung, Geftaltund Beweglichkeit befitzt; ein Geift ift lein Ding, welches da« Vermögen zu denken hat. So fa j^> man: die Härte, die Zerreiblicnkeit, und dis Vermögen das Eilen anzuziehen find die Eigen- fchaften , welche an einem Magnet gefunden werden, Diefe und ähnliche Ausdrücke be* weifen , dafs die Subftanz allezeit als ein vou der Ausdehnung, der Qeftalt, der Dichtheit, Bewegung, dem Denken und andern Eigen- fchaften verfchiedenes Etwas gedacht wir<*. ob wir gleich nicht willen , was es ift.

Von der Subftanz überhaupt hat man keinen deutlichen Begriff.

In jedem Begriff einer körperlichen Sub- ftanz, x, B, Pferd, Stein, denken wir uns blcs

die

Drei und zwanzigstes Kapitel, 121

die Verbindung von verlchiedenen einfachen Begriffen der Sinnlichen Eigenfchaften, welche wir gewöhnlich an dielen Dingen vereiniget finden. Allein weil wir nicht begreifen kön- üen, wie diefe Eigenfchaften für fich abjjefon- dem oder eine in der andern exiitiren können, fo nehme», wir an, dafs de in einem gemein» fchaftiichen Subjecte exiftirea und gegründet find, Diefes Gegr undetfey n drücken wir durch das Wort S u b ft 3 n z aus. Dafs wir da- %ron und vOn dem als Subftrat vorau>gefez- ten Dinge keinen klaren deutlichen Begriff haben, ift einleuchtend,

S> 5.

Eben fo ift es mit den Wirkungen dei Seele, z. B. dem Denken, Schhöfsen. Da ps für uns ungedenkbar und unbegreiflich ift, dafs Ge für Geh felbft beftehen , und wie fie dem Körper angehören oder durch denfelben hervorgebracht werden können, fo denken wir fie uns als Handlungen einer andern Suh- ftanz, die wir Geift nennen Hieraus erhel- let, dafs der Begriff von de'r Sibftanr des Geiftes fo klar ift, als der von der Subßanz eines Körpers. Denn unter diefero (teilen wir uns ein Etwas, in Welchem die Eigenfchaften , welche unfre Sinnsn afficiren, unter jenem aber ein Etwas H S vor.

121 Zvreit«» Buch.

vor, in welchem das Denken, das Erkennen, Zweitein u. f. v.\ gegründet ift; das eine den« ken wir uns als das Sibftrat der einfachen Vorftellungen , welche wir von auffen erhalten, , das andre als das Subftrat der Thätigkriten, - welcbe wir in unierm Innern wahrnehineu, ohne von dem einen oder dem andern eine beftimmte Erkenntnifs zu haben. Es ift alfo klir, dafs der Begriff von einer körperlichen pdar materiellen Subftanz eben fo weit von unfrer Erkennt nil's und Einficht entfernt ift, als der von einer geiftigen Subftanz oder einein Gf ifte. Deswegen darf man aber eben fo we- nig von dem Mangel einea befiimmten Begriffs von der Subfuni eines Geiftes , auf das INicht;- dafeyn deffsiben fchliefsen, als man aus die- fem Grunde die Exifteuz der Körper leugnen, darf. Das eine wäre fo wenig vernünftig als das andre»

*. 6.

Von den Arten der Subftanzen«

Von welcher Art daher auch das verborgene Wefen der Subftanz überhaupt feyn mag, fa i'nd doch alle unfre Begriffe von einzel- nen befoHdemSubftanzeu nur verfchie- dene Verbindungen einfacher Vorftellungen,

i n Objet'e in dem , obgleich nicht erkann- ten Grunde ihrer Vereinigung und der Subfi-

ften*

Drei und zwanzigßes Kapitel. 153

ftenz de$ Ganzen, xufammen exifüren. Durch folche Verbindungen der Begriffs allein ftellen wir uns befondre Arten von Subftanzen vor. Von der Art find die Begriffe von Menfch, Pferd, Sonne u, f. w. Jeder, der diefe Worte jn einer ihm verftändlichen Sprache höret, ver- knüpft damit in feinem Verftande diejenigen ein- fachen Vorfteilungen, von welchen er glaubt dafs fie nach Erfahrung oder Einbildung zuTammen exiftieren, und in dem unbekannten gemein- fchaftlichen Subject, weiches keinem andern Dinge angehöret, gegründet und enthalten find. Was itt z. B. der Begriff der Sonne anders, als die Vereinigimg verfchitdener einfacher Begrif- fe, des Lichts, der Hitze, der runden Geftalt der beßändigen regelmäffigen Bewegung, einet gewiffen Entfernung von uns und vielleicht noch anderer Merkmale, je nachdem derjenige, der über die Sonne denkt oder fpricht, mehr oder weniger forgfaltig in Beobachtung der Merkmale war, welche an dem Dinge, was es Sonne nennt s angetroffen werden.

§• 7. Vermögen und Kräfte machen ei- nen grofsen Theil unfr'er zufam. mengefetzten Begriffe von Sub- ftanzen aus.

Derjenige hat den vollkommenften Begriff von einer einzelnen Art der Subftanzen, de*

die

13* Zweite» Bück.'

die meifl^n in ihr enthaltenen einfachen Vcrftel- l.,-i>fn gebmmlet und vprknüpfi hat. Uanmter; müfleti und können auch der Kü'ze wegen Infi lieh, die thätigen und leidenden Ver- m ö » r ri gerechnet werden, ob fie gleich ei- gentlich keine einfachen Vorftf Illingen find Sa ift das Vermögen das Ei en anzuziehen ein Be- ftandtheil des zufammengefeUten Begriff- de» Magnets, und das Vermögen vom Magnet ange- zogen zu werden, ein Merkmal des EilVns . in- dt-rn diefe vermögen füt innere fÜgenTchaften diefer Objecte gelten, Dpnn jede Subftanz, kann durch die Kräfte, die wir an ihr beobach- ten, fowohl gewifle wahnehnbare EigenTchaf. ten in andern Dingen verändern , ale dadurch unmittelbar gcwilfe einfache Vorftellungen in ans erzeugen, und offenbaret durch jenes gewifle Klüfte, welche eben fo regelmäßig unfre Sinne mittelbar afficieren , als es ihre wahrnehmbaren Eigenschaften unmittelbar thun. So empfinden wir z. ß. an dem Feuer unmittelbar durch die Sfnne feine Hitze undFarbe, welche im eigent- lichen Sinne nichts anders als Vermögen des Feuers find, diefe Vorftellurgen zu erzeugen- Die Wahrnehmung der Farbe und derZerbfech- lichkeit der Holzkohle leitet uns auf die Er- kenntnifs eines andern Vermögens des Feuers. nemlich die Farbe und die Fettigkeit des Hol aes zu verändern. Durch das erftere entdeckt uns das Feuer unmittelbar durch das leztere mit- tel

Drei und zwanzigltes Kapitel. 125

telb^r diefe \erfthiedenen Kräfte, die wir da. ber -ls zum Inbegriff der Eigen fxhaften d^iTel- b*ui gehörig betra( iiten und in den zufnrunen- ee eilten Begriff aufnehmen. Denn alle für uns erkennbare Vermögen b^iiefae'n ficii z ib>rzt Hur allein auf föiche Veränderen: wahrnehm- barer. Bcfchaffe Weiten in denObjecen, \Vor:mf fie wirken, wodurch diefe neue V»rfteUungeri in ua> veranlafst werden. A'is diefem Grunde rechne ich diefe \ erwogen unter die einfachen Vorftellungea , weiche ien Inhalt der zufam- roengefe zien Begriffe von S ib!~taiizen aufma- chen, ob fie gleich au (Ich bunchre w rklich zufammenge erzte Begriffe find , und bitt* die Le et, es in wiefern weitern Sinne zu vrrfti-hen, wenn die Vermögen hier unter dan einfachen Vorftellungen v.irkommen. Denn ihre Betrach- tung ift zum deutlichen Begriff von den trer- Fchiedenen Arten der Subftanzea nothwendig*

i. g.

Und darüber darf man Geh nicht Wundern» weil die abge'elteten Ei^en fehlten der Subffan- zen vorzüglich dazu dienen, um he von ein- ander zu unterfcheiden, und daher xneiftentheils einen beträchtlichen Beffandtheil dieier zulam- »eugefetzten Begriffe ausmachen. Denn da wir uns oftvonden Sinnes verladen fehen , um die G>öfse, die Verbindungsart und die Geftalt der kleinen ßeftandtheile der Körper zu entde- cken,

Il6 Zweite» Bück.

cken , von welchen ihre reale Einrichtung und ihr Unterrcbied abhangt, fo lind wir g^nöthi- gef, ihre abgeleiteten Eigenfchaften als characte- rilbfche Merkmale zu brauchen, um Begriffe von ihnen tu bilden, und fie unter einander xu unterfebeiden. Alle abgeleitete Eigenfchaf- ten Gnd aber nichts anders, als blofse Vermö- gen. *) Die Farbe und der Gefchmack fowohl» aK die Schlaf erweckende und Schmerz ftillen- de Kraft das Opiums find Vermögen, welche in den urfprünglicheD Eigenfchaften deffelben gegründet find, und wodurch es auf verfchie- d«ne Att auf verlchiedene Theile des meufch- lichen Körpers wirken kann.

§• 9.

Die zufammengefetzten Begriffe von körper- lichen Subftanzen beftehen aus drei Arten von Begriffen. Er ft lieh gehören dahin die Be- griffe von den urfpriinglichen Eigenfchaften der Dinge: Zweitens die abgeleiteten Eigen- fchaften (II Buch. 8 Kap. §.25.) Drittens die Fäbigkeit eiuer Subfianz, folche Modifica- tiouen in tlen ursprünglichen Eigenfchaften her- vorzubringen oder anzunehmen, dafs fie da- durch, andere Vorftellungen in uns erzeugen, oder die fo genannten thütigen und leidenden Vermögen , welche lieh, in fo weit wir fie ken- ne u>

•) II B. 8 K. $, 23.

Drei und zwanzigft.es Kapitel. 1:7

nen , auf die förmlichen einf chen Vorstellungen zurückführeü tafTen. Denn was für Kräfte auch ein Magnet befäfse die feinften Beftand- thcile des Ei'ens zu verändern, fo würden wir doch nicht da* geringfte davou willen, wenn fie uns nicht die w?.hinebmbare ßc-wpgung des ETifeus entdeckte. Und ohne Zweifel giebt es unzähliche Veränderungen , welche die bekann- testen Körper in einander hervorbringen kön- nen, deren Vermögen wir aber nicht einmal ahn- den , weil fie fich durch keine Wirkungen in der Sinnenwelt äufsern,

§. io.

Die Vermögen machen dsher mit Recht einen grofsen Theil unfrer zufammerjgefetz- ten Begriffe von S üb fta nzen aus. Wenn

s

man den Begriff vom Golde zergliedert, fo wird man finden, lUfs verfchiedene Tbeiivor- iteüungen nur Vermögen Gnd, z. ß. das Vermö- gen im KöuigbWafler aufgelöfst und im Feuer ge'chmolzen zu werden, ohne zu verfliegen, Diele Merkmale find zum Begriff des Goldes fo unentbehrlich, als feine Farbe und fein Ge- wicht, welche nach richtigen Begriffen auch nichts anders als vprfchiedene Vermögen find. Denn eigentlich ift die gelbe Farbe nicht wirk- lieh im Golde, fondern nur das \ ertröien die- fe Vorfiellunt durch Afficirung der Augen bei «forderlichem Lichte hervorzubringen- Die

Hitze,

128 ZvrWtej Buch.

Hitze. welche vom Betriff der Sonne unzer- trennlich ift , ift eben fo wenig etwas reales in der Sonne, als die weiffe Farbe, welche Go dem WachTe mittheilt. Beide«, lind nur Ver- mögen durch die Bewegung und .Geftalt der nicht anschaulichen Theile auf den Menfchen und auf das Wachs zu wirken, und in dein rr- Aen Falle die Empfindung der Hitze in dem an- dern die \ orfteilung von der weilten Farbe her- vorzubringen.

§. II.

Die abgeleiteten Eigen fc haften, welche wir j e t /. t in den Körpern \v a b X n e h m e n , würden v e rf c h w i den, wenn wir die urfprüng'I- eben Eigen fc haften der klein ften Beftandtheile entdecken könn- ten.

V\ ären unfre Sinne ieir? genug, die klein- ften Beftandtheile der horper zu unterfcheiden, und die wahre innere Einrichtung zu entdecken, von welcher ihre finnliehen Eigenschaften ab- hängen , fo würden die Körper ohne Zweifel ganz, audre Vorstellungen in uns erzeugen. Die gelbe Farbe des Goldes würde dann verfchwin* den. und an deren Qatt ein bewundernswürdi- ge* Gewebe der Theile von gewiffer Gi und Geiialt unfern &ugen Heb darftellen. J>3-

v o n

Drei und zvranzi^ßes Kapitel. up

Tun überzeugen uns die Microfcope offenbar. Denn was fich unTern blofsen Ao^en unter ei- tler gewiflen Farbe zeigt, erfebeint den bewaff- neten ah ein ganz andres Ding, und indem diefe Vergröfserungsgläfeir gleichfam difGröfsen- rerhältnifse der kleinen Beftandtheile iu gefärbt erTcheinenden Objecten veräudern , fo gehen auch ganz andre Vorstellungen hervor. So ift der Saud und gefchmolzenesGlas, durch ein Mi- CtO'Cop gefehen , durchfichlig , da fie den biof- fen Augen &U weifs und undurchficbiig erfchei- rien ", und das Ha^r verliert feine vorige Gefldt; es i 1 1 gröf tentheils durchGchtig und mit hell- funkelnden Farben von der Art vermifcht« als Diarnante und andere durchsichtige Körper zu- rückwerfen. Das Blut erfcheint dem biofsea Auge völlig roth; aber durch ein gutes Micro- fcop, welches feine kleinem Theile darfteilt, erblicken wir nur einige rothe Kügelchen, Welche auf einer durchüchtigen 'Flüfügkeit fchwimmen. Und wer weifs , wie diefe Kügel- chen erfcheinen würden , wenn man Glnfer hätte, welche looooder icooo mal mehr ver* gröfserten?

§• 12.

Der unendlich weife Schöpfer der Menfchen und aller Dinge hat unfre Sin- ne , Werkzeuge und Vermögen der Seele den BedürfnilTen und Befch'äftigungen diele« Lock«'*. II. TUil. - I Li-

130 Zweites Buch,

Li br i $ angepvst. Wir find durch unfre Sinne in den Stand gefetzt, die Dinge zu erkennen» zu unterfcheiden, und fi» in fo weit zu erf<>r~ fchen , als es ihre Benutzung zu unfern Zwe- cken und zur Befriedigung der ßedürfnifse die- fr* I ebens erfodert. Unfre Einficht in ihre wunderbare Einrichtung und Wirkungen ift aus- gebreitet genüg, um die Weisheit, Allmacht und Gute ihres Urhebers zu bewundern. Es fehlt uns nicht an Mitteln zu diefer. unfrem ge- gen wältigen Zufiand au*emeflenen Erkenntnifs. Aber es war, wie es fcheint, nicht Gottes Ab- heilt, uns eine vollkominnedeutJiche und voll- ftändige Erkenntnifs davon zu geben, und De lag vielleicht ganz aufser dem Faffungskreife eines endlichen Wrefen«, Wären unfre Sinne anders eingerichtet, fchärfer und lebhafter, fo würde die Auflenfeite der Dinge uns unter ei- ner ganz ardern Geftdlt erfcheinen , aber auch, wie ich glaube mit unferm Dafeyn oder zum wenigsten mit unferm Wohlfeyn auf diefem für unfern Aufenthalt hefiimmten Theil der Welt nicht znfammenftimmen. Wer erwäget, dafs nnfie Organifation nicht leicht eine Verfetzung in eine etwas höhere Lufiregion verträgt, als die ift , in der wir gewöhnlich a'hinen, wird fchon darin einen überze ugenden Grund finden, dals der weifsefte Urheber der Natur, die zur Wohnung der MenJchen beftimmte Erdkugel für unfre Organe zweckmäßig eingerichtet und

fo-

Drei und zwatizigftes Kapitel. iji

fowöhl die Organo, als die Körper, die jene af- ftcieren , zu einander angepaßt hat. Was für unaufhörliches Geräufch würde uns zerftreuen, wenn rinfer OehörGnn taiifer.dir.ai feiner wäie? In der ruhigften Eiufamkpif würde man weniger fcklafen und nachdenken können, als in der Miste eines Seegefechts. Ja wenn das Geficht, der fruchtbar Ire Sinn, lCCOoder loooomal fcBär- fer wäre, als er es jetzt durch das hefte Ver- gröfserungsglas ifi, fo würden Objecte, die meh- rere Millonenmai kleiner find, al> das fei u ficht- bare kleinfteObject, für das blöke Aug aolt neu- lich feyn , und man würde in eben dem Ver- hältnifs der Entdeckung des Zufrinmenbangs und der Bewegung der kleinften Reftandtb« ile ^er Körper näher kommen, ja wohl gar die in- nere Einrichtung Vfth einig n erkennen. Al- lein ein folcher Menfch würde in einer ganz andern Welt fryn und jedes Object ihm ganz anders erfcheinen , als den übrigen Men- fchen» Und ich zweifle, ob er bei der gänzli- chen Verfchiedenheit der fcrfcheinutvgen mit andern über achtbare Gegenwände fprechenoder fich über die Farben unterhalten könnte. Und vielleicht könnte ein fo feines und fcharfes Ge- ficht den hellen Sonneofchein, ja nicht einmal das helle Tageslicht aushalten, und dabei doch nur einen fehr kleinen Theil eines Objects auf einmal und zwar nur in der Nähe auffafsen» Wenn ein Menfch vermöge folcher mikrofr.opi- I. 2 fchen

13* ZweitM Buch.

fchen Augen (wenn ich fie fo nennen darf) mehr als gewöhnlich in den urfprünglichen und verborgenen Bau d«r Körper eindringen könn- te, Fo würde er doch nicht viel dabei gewinnen wofern nicht fein fcharfes Geficht fein Führer auf dem Markt und auf der ßörfe feyn, und wenn er nicht, wie andre Menfchen. durch die- Telben finnlichen Eigenfchaften diejenigen Din- ge, welche er fliehen oder mit denen er üch befchäftigen foll, in der gehörigen Entfernung unterfcheiden könnte« Wenn einer ein fo fcharfes Geficht hätte , dafs er die Bildung der klein ften Theil« einer Feder in der Uhr fehen, und beobachten könnte, von welchem Bau und Triebwerk .hie elaftifche Bewegung abhieuge, der würde unßreitig manches Wunderbare ent- decken; allein das alles würde keine Wohlthat für ihn feyn, wenn er nicht zugleich den Zei- ger und die Ziffern auf der Platte überfeinen, und dadurch in der Ferne erkennen könnte, um welche Uhr es ifi; wenn über der Entde- kung der verborgenen Einrichtung diefer Ma- fcbine und ihrer Theile die Anwendung det- felben zu feinem Nutzen unmöglich würde»

$. i?»

Man erlaube mir hier eine kleine Abfchwei- fung xu machen , und eine Vermuthung mit- z> the-len. W^nn man Erzählungen lolcher Dinge, von welchen dieThilofophie keine Wif-

fen-

Brei und zwanxigftei Kapitel» iS5

fenfchaft hat, Glauben beimeffen darf, fo hat roan einigen Grund anzunehmen . dafs die Gei- fter Körper von 'verTchiedener Gröfse , Geftalt und Bildung annehmen können. Es fragt fich alfo, ob nicht der grofse Vorzug, den einig« vor uns haben, darin beliebt . dafs fie die Or. gane der Sinnlichkeit und des VorfteUens, fo bilden und modificiren können, als ihr jedesma- liger Zvreck und die Beschaffenheit des Ob- jeots, das fie betrachten wollen, erfodert? Denn wie fehr würde nicht derjenige Menfch alle an- dere in der Erkenn trifs übertreffen, der nur das Vermögen befäfse, den Bau eines einzigen Sin- nes ,z B. der Augen, fozu modiSciren, dafs er aller Grade des Sehens empfänglich würde, die uns die zufällige Erfindung künftlicher Augenglä- fer bekannt gemacht hat? Was für Wunder würde er entdecken , wenn er ff in Gefichtsor- gan allen Alten von Gbjecten anpafl&a kör.nte, dafs er z. B. die Geftalt und Bewegung der kleinften Theile des Blutes und andrer thieri- fcher Säfte fo deutlich betrachten könnte, als er zu einer andern Zeit die äufsere Bildung und Bewegung der Thiere wahrnimmt, Aber für uns in unfrer jetzigen Lage würden unverän- derliche Organe von der Befchaffenheit , dafe fie die Geftalt und Bewegung der kleinften Theile der Körper, von welchen die wahrnehm- baren Gnnlicben Eigenfcbaften abhängen, viel- leicht von keinem Kutzen feyn. Gott hat fie 1 3 ohne

13+ Zweites Buch.

ohne Zweifel fo eingerichtet, wie fic für um in unferm g^g. nw.irtigen Zultand, .im heften lind* Er h-st uns für die uns KU nach fi umnebenden; Körper, mit denen wir zu thun haben, zweck- maHii ausgelüftet: unri können wir gleich durch untre Seelenkr&fte keine vollkotumne Erkennt- nis der Dinge erlangen, fo find fie doch für die ohen erwähnten Zwecke, die uns am rnei- ften intcrefliren, zureichend. Man verzeihe mir diefe feltfame Vorflellung von der Erkennt- nifsart der über uns erhabnen Wefen; fo aus- fchweifeud fie aber auch vielleicht fcheint, fo zweifle ich doch, ob wir davon auf eine an* dere Art als nach der Analogie unfrer Erkennt- nifsart etwas verrauthen können. Ungeachtet es unläugbar ift, dafs die unendliche Weisheit und Allmacht Gottes Wefen mit taufend andern Vorftehungivermögen und Erkenntnifswegen , als die unfrigen find, erfchaflen konnte, fo find doch unfre Gedanken in dem Kreife unfrer Fä- higkeiten eingefchränkt, und wir können felbft bei unfern M ihmafsnngen nicht über die Vor- ftellungen hinaus gehen, welche wir durch un- fere eigne Sinne und Reflexion erhalten. Zum Wenigsten darf uns die Hypothefe, dafs die Engel zuweilen Körper annehmen, nicht be- fremden, d* d^e alteften und gelehrteften Kir- cheiva'er, wie ee fcheint, annehmen, dafs fie Körper haben. Üo viel gewifs, dafs ihr Zu-

ftand

Drei und zwanzigstes Kapitel. 135

fbnd und ihre Erkenntnifsart kein Gegenftand unfrer Erkenntuifs ifr,

I* 14.

Zu fam in engefetzte Begriffe von

Subftanzen,

Doch wir kehren zu uoferm G^genftande zurück, nehmlich zu unfern Begriffen von den Subftanzen und der Art und Weife, wie wir fie erlangen. Ich behaupte alTo, dafs unfre Art begriffe vo 1 Subftanzen nichts an- ders find, als Verbindungen einer ge- wiffen Anzahl von einfachen Vor- Heilungen, deren Objecteals in einem Dinge vereiniget betrachtet werden. Qb nun diefe Begriffe und ihre Benennungen gleich gewöhnlich für einfache gelten, fo find He doch in der That zufarnrnengefetzt. So ent- hält der Begriff, welchen das Wort Schwan andeutet, folgende Vorftellungen : weifse Far- be, ein langer Hals, TOther Schnahel, fchwar» ze Schenkel, ungetrennte Füfse, eine beflimra» te Gröfse aller diefer Theile , die Fähigkeit in dem Wafler zu fchwimmen , und einen ge- wiffen Laut hervorzubringen; und vielleicht noch mehrerer eigen hümlinhe Merkmale, wel- che ein Mann durch vieljährige B obachtung entdecken kann. Alle diefe Meiknale, wel- che üch auf finnliche einfache Voilteliungen I 4 zu.

156 Zweite» Buch.

zurückführen laden, find in einem gemein* fchaftlichen Subjecte vereiniget,

$. «5. Per Begriff von g e i ft i g e n S u b ft a n- zen i l\ Tu klar, als der von kör- perlichen Subftanzen.

Ander den zufammengefetzten Begriffen von materiellen Gnnlichen Subftanzen , von denen ich bisher geredet habe, können wir auch aus den einfachen Begriffen von den Wirkungen der Seele, welche wir täglich in uns beobach- ten , als dem Deuken , Wollen , Erkennen, Handeln und welche zufammen in einem Subje te exiftieren, den z u fa m m en g e fetzten Be- griff von einem immateriellen Geifte bilden- Die Verbindung diefer Vorftellun- gen in einen Begriff gewährt uns einen fo klaren Begriff von immateriellen Subftan- zen als von materiellen. Denn wenn wir die Begriffe vom Denken und Wollen , oder dem Vermögen , den Körper in Bewegung 0 ler Ruhe zu fetzen verknüpfen, und mit der Sub- ftanz verbinden, von der wir keinen deutli- chen Begriff haben, fo erhalten wir den Be- griff von einen immateriellen Geifte, und die Verbindung der Begriffe vom Zufammenh-inge dichter Thcile und dem Vermögen der Beweg- lichkeit mit der Snbftanz, von dcr wir eben fo wenig einen pofitiven Begriff haben , giebt den gegriff von einer materiellen Subftanz. Der

ein«

Drei und zwanzigftes Kapitel. 137

•ine Begriff ift fo klar und deutlich, als der an- dre,, und fo ift es auch mit den Befhndth<?ilen beider. Denn in beulen Fallen haben wir ei- nen gleich dunkeln oder eigentlich gar keinen Begriff von der Subftanzj fie nur ein vor- ausgefetztes Etwas, das wir nicht kennen, in welchem die Accidenzen gegründet Gnd. Nur aus MaDgel an Reflexion kann man glau- ben, die Sinne Hellten uns nur materielle Din- ge dar. Jede Anfchauung führt uns , wenn fie gehörig erwogen wird, eben fo khr auf geifti- ge als auf körperliche Weien. Denn indem ich durch das Sehen und Hören erkenne, dafs auf- fer mir ein körperliches Wefeo der Gegenftand diefer VoTft«l!ung ift, fo weifs ich mit noch, mehr Gewilsheit, dafs in mir ein geiftiges We- fen ift, welches fiehet und hörot. lcti rauf« mich notbwendig davon überzeugen , da's clie- fes keine Wirkung der blo!sen empfindungslo- fen Materie ift. und dafs es ohne ein deukondet immaterielles Welen gar nicht feyn würde.

§. 16.

Der zufammengefetzte Begriff eines Wefeni, dem Ausdehnung , Geftalt, Farben und andre ßnnliche Beschaffenheiten zukommen, welch # alles ift, was wir von der körperlichen Sub- ftanz willen, bringt uns dem Begriff Mer Sub- ftanz an fich fo wenig näher , als wean wir 1 5 gar

>5S Zvrciiea Buch.

gar »u'chts davon wüfsten. Und vielleicht wird es hell nach einer forg/cilrigern Ur.terfuchung ausWeifeM , daft man ungeachtet aller vemiein- ten innigen: 'ehalt mit der Materie und

ihren Eigen ii. -.haften , do-h nicht mehrere noch deutl ich er e Begriffe von den G r u n A »■ i g en i c h a f te n der Körper als von LieiiSii eiusi iuima t er iellen Geifte« hat.

§• 17.

Die Hauptmerkmale, welche dem Körpey im Hegenfaize mit einem Geifte zukommen, ifi; der Ziifammenhang der dichten, folg- lich t r e n n b a reu Theile und das Vermö- gen, die Bewegung durch den Stofs mitzutheilen. Diefes find , wie ich glau- be, die urfjn üngh'cheu, dem Körper eigenthüm- lichen BegrifFe, denn die Geftalt ift nur eine Folge der bekreuzten Ausdehnung.

Die eigenthümlichpn Merkmale de« Regnffs «inps Geiftes find das Denken und Wol- len, oder da? Vermögen, den Kö;per durch Vorftellungen in. Bewegung zu fetzen, und die Freiheit welche eine Folge davon ift. Denn fo wie ein Korn r eifern andern ruhenden blols durch den ötofs Bewegung «-ittiieilen kann,

fo

Drei und zvranzigßes K^piteL t%$

fo kamdieSeeleKörper in Bewegung oder Ru- he durch die Wiiikühr fetzen. Die Begriffe von der Exiftenz, Dauer und Beweglichkeit gehö' ren fowohl dein Körper als dem Geifte an.

§. 19.

Ich fehe keinen Grund, warum man es befremdend finden folite, dafs ich die Beweg' lichkeit auch zu einem Merkmal de? Geiftes machte. Denn da der Begriff der Bewegung nichts anders als die Veränderung des Abltands von andern Dingen enthalt j da die Geiftet fo gut, als die Körper, nur da wirken können, wo fie find, und es ausgemacht ift, dafs fie zu verfchiedenen Zeiten in verfchiedenen Räumen. wirken, fo mufs man die Veränderung der RaumverhähniLfe allen endlichen Geiftern denn von dem Unendlichen ift hier die Rede nicht nothwendig beilegen. Meine Seele ift fo gut als der Körper, ein reales Wefen, und fie kann eben fo, wie der Körper den Abftancl von andern Dingen verändern, fie ift alfo einer Bewegung empfanglich. Und wenn der Muthernatik-r den Abftand zwifchea zwei Puncten und die Veränderung deflelben be- trachten kann, fo lätst fich gewi 's auch ein Ab- ftand, und deflen Veränderung, alfo auch Be- wegung, Annäherung oder .Entfernung zwi- fslian Geiftern denken»

§. 2«,

If» Zweites Buch.

§ 20.

Das Bewufst(Vyn fagt jedem MenTchen, dafs fein« Seele denken , wollen und auf feinen Körper in dem Räume, wo er ift, wirken kann; aber nicht fo auf einen Körper und an einem One, der hundert Meilen entfernt ift. Kein Menfch, der xu London ift, hält es für möglich , dafs feine Seele in einem Körper tu Oxford denken oder denfelben bewegen kann. Allein wenn jemand eine Reife von London nach Oxford macht, fo inufs er (ich nothwen- djg voifteilen5 dafs feine Seele wegen der Verbindung mit dem Körper während derfel- ben den Ort in dem Verhältnis wechfelt, als die Kutfthe oder das Pferd fich fortbe- wegt, und map kann alfo mit Recht lagen, dafs üe lieh in derselben Zeit bewegt. Wem die- fes noch keinen deutlichen Begriff von der Bewegung der Seele giebt, der wird ibn doch ficuer in ihrer Trennung vom Körper nach dorn Tode finden. Denn diefe Vorftellung, dafs fie den Körper verlaffe, fcheint mir ohne den Begriff der Bewegung unmöglich zu feyn

§ ff.

Vielleicht wird mancher faßen: die Seele kann keinen Ort wechfeln , denn die Geifter fjnd an keinem Orte, fondern nur irgend wo, Allein ich follte meinen , eine folche Sprache

könn-

Di«i und iwanzigftes Kapitel. 141

könnte in einem Zeitalter , das nicht fehr groeigt-ift. folche unverftändliche Ausdrücke zu bewundern, oder heb durch, dielelben fäu- fchen zu bffen, nicht viel Eingang finden. Wenn aber jemaod glaubt , dars in diefem LJn- terfchiede fin verftändiger Sinn liegt, der auf diefen Gegenfbnd Be*.'>hung hat, ho mag er ih'i in verständlichen VVorten ausdrücken und (iaracu durch Schluß« zeigen, dafs immaterielle G^ifter keiner Belegung fähig find. Die Be- wegung kann freilich Gott nicht bcTgelegt Wernen, aber nicht weil er ein immaterieller, fondern weil er ein unendlicher Geift ift.

§. 22.

Vergleichung des Begriffs von der Seele und von dem Körper.

Jezt wollen wir unfren zurammengefetz'en BegTiff von einem itnmattriellen Ge fte und ei- nem Körper vergleichen und unterfuchen, ob der eineoder der andre mehr Dunkelheit iufich enthält. Wir denken uns einen Körper als eine ausgedehnte dichte Subftanz. welche das Vermögen hat, Bewsgung durch den Stnfs mit- xutheilen \ und die Seele als einen immate- riellen Geift, als eirje Subftanz, welche denkt und das Vermögen hat, durch den Willen o -er durch Vorftellunoen der> Körper in Bewegung Zu letzen. Diele» ilt , wie ich glaube, der In- halt

14» Zweites Buch.

halt untrer 7.ufa;nmergefetz.tei. Co griffe von Körper und Seele, als entgegengesetzter Wefen. Welcher ift nun der dunklere und un- verftänJlichere? Ich weifs woli! , dafs Men- fche-n. deren Vorftellungen zu grob finnlich find, und fich beim Henken fo wenig von den Sin- nen lofsreifscn können, dafs üe feiten über ein übersinnliche-; Wefen rcHectiren , gerne be- haupten möchten, eio denkendfs Wefen fey für fie unbegreiflich- So wahr diefes auch ift, fo werden üe doch nach reiflichem Nachden- ken finden, dafs fie ein ausgedehntes Dingeben fo wenig begreifen können,

§. 23.

Wenn einer Tagt, er wiffe nicht was das fey, das in ihm denkt, fo will er fo viel fagen als: er habe keine Erkenntnifs von der Subftanz diefes denkenden Wefens ; und das behaupte ich auch von der S.ibftanz eines dichten Kör- pers, Noch mehr, wenn er fagt, er wiffe nicht wie er denke, fo antworte ich, er hat auch keinen Begriff davon, wie fein Körper ausgedehnt ift, wie die dichten Theile deflel- ben vereiniget find, oder zufammenhängen , dafs fie ein ausgedehntes Wefeu bilden- Wenn man auch den Z u f a m men h a n g der ver- fcuiedenen Materien theile aus dem Druck der Lul'tlheile, welche kleinerfind und gröfsere Zwischenräume haben, als jene, er-

kla-

Drei und zwanzigftcs Kapitel. 143,

klären wollte, fo kann doch die ScflWewfctaft und der Druck der 1 ufttheile nicht die Ur fache von dem Zufannnenhanga der Lut'nhe\.e Iclbft feyn. Und follte etwa der Druck des Aethers oder einer andern feinen Materie die Lufttheile und andre Körper vereinigen u:k! zu'anunen- hahen, fo kann in ihm doch nicht felbfi: der Grund von dem Zufammenhange feiner eignen Theile liegen. So Gnnreich slfb auch dief* Hypothefe den Zufammenhang der wahrnehm- baren Körper durch den Druck eines feinen nicht wahrnehmbaren Körpers erkläret, fo er- fireckt fie fich doch nicht über die Theile des Aethers felhft; und je überzeugender fie dar- thut, dafs der Zufarnmeuhang und die Verbin- dung der Körper keine andere Urf.iche als den äufsem Druck des Aethers haben kann, defto mehr lüfst Ge uns in Anfehuug deflelbeo im Dunkeln. Denn die ätherischen Körper kön- nen als Körper felhft nicht anders, als aus Tnei- len beftehend gedacht werden.

§. 24, .

Der Druck eines umgebenden flüffigen Körpers kann aber nicht einmal wirklich als die begreifliche Urfache von dem Z u- l'aminenhang der feiten Theile der Ivl a ter ie gedacht werden, wenn er auch hoch fo grofs wäre. Denn er kann, wir- das Experi- ment mit zwei gutten Maruiorpiatten bWeifsf,

wohl

144 Zweit«» BiwL.

Mobl hindern, dafs zwei glatte Oberflächen in '.hier Linie, aber nicht dafs fie in einer Oberflächen parallelen Linie von einander .den werden. Die umgebende flüffige Ma- ie bat nehinlich völlige Freiheit in jeden .»•im zu treten, wo keine B wegung von der

die anzutreffen ift, und widerftthet daher der Bewegung diefer fo verbundenen Körper nicht m*-hr, als wenn diefer Körper von diefer Flüf- ligkeit auF aller» Seiten umgeben und von kei- nem andern Körper berührt würde, Und wenn es daher keine andre Urfache des Zufammen- bangs gäbe, fo müßten alle Theile der Körper durch eine nach der Seite au gleitende Bewe- gung leicht getrennt werden können. Denn ift der Druck des Aethers die zureichende Urfa- che von dem Zufammenhang, fo mufs dielet aufhören, wo jene Urrache nicht wirken kann, Diefes findet aber ftatt, wie wir vorher gezeigt haben, bei einer 'horizontalen Trennung, da- her könnte bei jeder denkbaren ebenen Fläche, welche eine Malle von Materie durchlchneider, nicht mehr Zufammenhang vorhanden feyn als bei zwei poiirten Oberflächen , welche, unge- achtet des vorgegebenen Drucks einer Flüffig- keit, doch leicht von einander abgleiten. So klar daher auch der Begriff ift, welchen wir von der Ausdehnung der Körper (welche nichts anders ift, als der Zufaminenhang drr dichten

Theile) zu haben glauben, fo kann man doch

nach

Drei und «vanzigfies Kapitels 14J

ach fchärFerer ErWagiing diefes lieg riß«, mit

Recht den Schrlufs machen, d;<Ts iqm eben fo wenig bpj?r< ifpn k :nn . wic»fllei SeeT«-- denkt als wie dt- Körpe» ausgedehnt ift Dnon da ein Körper nicht anders als durch ^ip Vetei ii- gung und der Zir.Mimpr.h feiner dicrnen T teile au^gedehi:t ift, fo i i t die An d-hf.ii/ig für uns fo lange unbegreiflich, als wir nicht erkennen, worinn die Vereinigung und der Z'ufammenhang <U-r Thei^e beuVhet. Das ift aber wie mir feheint, fo unbegreiflich als die bcfiin mte Art und Weife, wie das Denken gefchiehet,

§. 23.

Ich weif« wr>h!, die meiftenMenfchen wun- dern ficb gewöhnlich, wi» man SiJnvieiigkei- ten bei einer 5^a he finden könne, welche man taglich vor Augen liehet. Sei^n wir nicht, werden Sie fageu , dafs die 7h:;le rh-r ' ör- per feftzufamnie/ häng^r. ? G l,r e 0 ttwis b- ka.n teres? Und 'lüb.r kann man lieh . o ;h Z eifel erlauben? Ehe« da- behaup ' ich ^uch in Anfehung de* Dt »>kens u^d der w. , [i i- chen Bewegung, H^ben wir, e ich jeüen Au. genbiiek Erfahrung; n davon in ti-i« feiÜßr und kann man noch darin er zweifelhaft fey'n? Bei- de Thatfachen find an lieh ' L»r, das ift nicht zu hugnen, w^ man he aber etwa» näner Locke«. II. TheÜ. K be-

146 Zweites Bm.Ii.

betrachten und unterfuchen will, wie fie ei- gertlich wirklich werden, fo ift man verlegen» und nun bpgreift fo wenig, wie die Körper zufammrn'iängen , als wie wir denken oder uns willkührüch bewegen. Ich fodere jeden auf, mir zu erklären, wie es kommt, dafs die Theile des Golds oder Kupfers, die bei dem Schmelzen fo w»nig zufanimenhängen als die WafTertropfen Oiier die Sandkörner in ei- nem Stundenglafe, einige Augenblicke dar-t E fo feft vereiniget Gnd , d-ifs die angeftreng'efte Kraft eines menfcblichen Arms fie nicht tren- nen kann. Jeder denkende Kopf mufs gelie- hen , dafs er nicht im Stande ift, das auf eine für ihn und andre befriedigende Weife zu er- klären.

§. 26.

Die kleinen Körperchen , welche das flüf- fige Wefen des Waflers ausmachen, find fo klein, dafs ich noch nie von einem Menfchen rühmen hörte, er habe ihre Giöfso, Geftalt und Bewegung durch ein Microlkop entdeckt, wenn es auch 10000 ja 100000 mal vergröfeer- te. Alle diefe Theile hängen fo locker zufatn- nien, dafs fie durch diegeriugfte Kraft getrennt werden können, und wegen ihrer beftändigen Bewegung kann man nicht einmal Zufammen- hang unter ihnen annehmen. Und doch wer- den

Drei und zwanzigftes Kapitel. I47

den di?Ce' kleinen Atomen durch eine fcharfe Kälte fo innig vereinigt und zufammengekettet, dafs fie nicht ohne grofse Gewalt zu trennen find. Wer die Binder , welche die Aggregate diefer unverbundenen kleinen Kö>per fo : r. ig mit einander verbinden , wer den Kitt ausfin« dig machen konnte, wodurch fie fo fefte an einander gekettet werden , würde unttreitig ein grofses bis jetzt unbekanntes Geheiranifs entdecken, aber noch immer Weit gentig von Erklärung der Ausdehnung der Körper entfernt feyn. wofern er nicht zeigen könnte, worin die Verbindung und Verkettung der 1 heile diefer Bänder oder diefes Kittes oder 6er klein- ften Materientheile beftünde. Es erhellet dar- aus, dafs diefe urfpTÜugliche, und wie es fcheint fo hekatinte Eigenfchatt der Körper nach näheret Unterfachung eben fo unbegreiflich, ais irgend eine Eigenfehaft der Seele, und dafs eine dichte ausgedehnte Subftanz eben fo unerklärbar ift, als eine den- kende unmaterielle Subftanz, fo viele Schwierigkeiten auch einige gegen die letzte erheben,

§. 27.

Denn verfolgen wir unfere Gedanken et- was weiter, fo werden wir finden, dafs der Druck, aus dem man den Zusammenhang der K a Kör-

148 Zweites Buch.

Körper erklären will, eben fo unbegreiflich ift, als der Zufainritenhan« felbft. Wenn die Ma- terie endlich ift, wie fie es denn wirklich ift, fo verfetze man Geh in Gedanken an die Gren- zen desUniverfums, und fuche die Bänder und Reife zu erfonchen, welche die ganze Mafle von Materie durch den Druck fo fefte zufam- nienhalten, dafs dadurch der Stahl feine Fettig- keit, der Diamant feine Härte uad Unauflös- barkeit erhält. Wenn die Materie endlich ift, fo mufs üe ihre Grenzen haben . und es mufs da etwas vorhanden feyn , das ihre Trennung und Zerflreuung hiudert. Und wenn man, um diefsr Schwierigkeit auszuweichen , feine Zu- flucht zur Hvpothefe einer unendlichen M terie nehmen wollte, wird man dadurch mehr Licht über den Zufammenhang der Körper verbrei- ten? Wird man ihn verftändlir.her machen, wenn man feinen Grund in der ungereimteften und unbegreiflichften Hypofhefe zu finden glaubt? Soviel fehlt daran, dafs wir von der Ausdehnung, in Rückficht auf ihr Wefen und Urfache einen klärern oder deutlichein Begriff ah von dem Denken habeu" foliten.

§» 28.

Ein anderes Merkmal unfers Begriffs vorn Körper ift das Vermögen, d i e Bewegung du ich den S t of s mitzutheilen> und von

der

Drei und zwanzigßfis Kapitel. 149

dar Se ple das V e r rn ö g en, die Rewgnng dureh Vörft eilungen anzufangen. Kla- re Begriffe davon erhaben wir durch die tägli- che Erfahrung. Wenn wir aber fracen, wie das zugehet, (o befinden wir uns iu derfelben Dunkelheit. Denn die Mitfheilung der Bewe- g np durch den Stofs, wo dereine Körper fo viel von feiner Bewegung verliert, als--der andre erhält, welches der gewöbnlicbfte Fall ift, können wir uns nicht anders denken, als dafs die Bewegung aus einem Kö'per in den andern übergehet; das ift abeT fo dunkel und unbegreiflich , als wie die Seele unfern Kör- per durch Vorfteüuiigen in Bewegung oder Ruhe fetzt, weiches wir doch alle Augenblicke wahrnehmen, Noch unbegreiflicher ift die Vermehrung der. Bewegung durch den Stofs, welche man wirkJich beobachtet oder doch zu- weilen beobachtet zu haben glaubt. Es ift alfo zwar eine klare Thatfache, dafs fowohl durch den Stofs , als durch Vorftellungen Be- wegung hervorgebracht wird; aber die Art und Weife, wie das geichieh», ift bei dem einen und andern für uns gleich unbegreiflich. Wir mögen daher die Bewegung und ihre Mit- theilung in Verhältnifs zu der 5eele oder zum Körper betrachten, wie wir wollen, fo ift <-®ch der Be-riff davon als Meikmal des Körpers nicht klarer, cfenn als Meikmal der Seele. Und was die thälige Bewegnngskraft betraft, fo ift R 3 fie

Zwrites Bu«fe.

fie in einem Geifte noch klarer, als in einem Körper» Denn zwei Körper, welche neben einander ruhen , geben uns keinen Stoff zntn Betriff vOn einem Vermögen des einen, den andern in Bewegung zu fetzen, außer durch eine fremde Bewegung; da hingegen die Seele uns täglich Beifpiele von ihrer eignen Kraft den köiper zu bewegen darbietet. Es ver- dient daher wohl eine Unterfuchung, ob nicht das thätige Bewegung-Vermögen eine eigen- thümliche Eigenfchfat der Geifter. und das leidende der Körper ift. Hieraus könn'e man auch muthmarsen, dafs die erfchaffenen Gei fier nicht von aller Materie befreiet find, weil fie fowobl thäiig als leidend find. ,Das rein geiftige YV'efen , Gott, ift nur allein thätig, die blofse Materie blofs leidend y und es läfst Geh daher denken, dafs diejenigen Wefen , welche fowobl thätig als leidend find, Antheil an den eigenihüinücben Eigenfchaften beider haben.- Doch dem fey wie ihm wolle; genug wir ha- ben eben fa viele klare Begriffe, welche (ich auf Geifter, als welche fich auf Körper bezie- hen , obgleich die Subltanzen von beiden uns gleich unbekannt ift.

Mit einem Wort, die Sinne überzeugen uns, dafs es ausgedehnte und die Reflexio^ dafs es denkende Subltanzen giebt. Dafs We-

fen

Drei und zwnnzigfies Kapitel. i5i

fen von beiden Arten exiftieren, und daf5 die letztem das Vermögen haben, Körper durch, dnn Stofs, die erftern aber das Vermögen, Körper durch Vorftellungen zu bewegen, lind unleugbare Erfahrungsfätze. Utber riiefe kla- ren Begriffe hinaus, welche uns die Erfahrung (o reichlich jeden Augenblick darbietet, reicht unfer Eikenntnifsvermögen nicht. Nach allen Verfuchen eines tiefern Forfchens bleibt uns das Wefen , die Urfachen und die Entftehungs- art der Ausdehnung fowohl als des Denkens immer verborgen. Das eine läfst fich fo we- nig erklären, als das andere, und es ift um nichts begreiflicher , wie eine Subftanz, die wir nicht kennen , einen Körper durch Vorftel- lungen in Bewegung fetzen, als wie eine an- dre eben fo unbekannte Subftanz eben das durch den Stofs bewirken kann. Hieraus zie- he ich den wahrfeheinliehen Schlufs, dafs die einfachen Vorfteilungen , welche wir durch die Sinne und die Reflexion erhalten, die Grenzen unfers Denkens find, über welche unter Verftand, ungeachtet aller Anftrengung, doch keinen Schritt weiter in der Entdeckung der Natur und der verborgenen Urfachen die- ser Vorstellungen kommen kann.

K 4 §, 30»

1J2 Zvrcitci Ruch.

ReTultat der V c r g I e i c b u d ».

D*s Refultat der Vtftuleichung uvfers Be- f'FFs von einntn Gvifte mit dem von einem Ko > t i.l kürt ich .liefes. Die Subftanz des Getftp; il\ iins tb"n fo unbekannt, als die s £t m de* hörpe'S. Zwei urfnTiintjliche und 6igenth,h: li he Hgenfchjften fowohl das fei- ft^-n ah körperlichen Wefen kennen wir, Bfld kö:.i :"n fie uns durch deutliche Ke»riffe vor- it i en, n^hmlich den Ztifammenhaug der dich- ten Tieilc und die Bewegung durch den SfoCs; das Denken und die Selbftth9tifckeit» Wii haben ferner klare Begriffe vOu verfchie-- dene-' abgeleiteten Eigenlchaften des Köipers und des Geiftes oder von den verschiedenen Mo'üficationen der Ausdehnung und der Be- wegung, des Denkens und des Wellens.

* §14

Wenn endlich der Begriff eines immateriel- len Geiftes vielleicht einige n.hwer zu hebende Schwierigkeiten enthält, io ift das doch eben fo wenig e;n G.u d , die Exifteuz der Geifter zu leugnen odei zu her weifein , als man des- halb die Exiftenz der Körner leugnen oder in Zweifel ziehen d.-rf. weil der Betriff derfel« ben mit Schwierigkeiten verwickelt irt, welche

fett wer*

Drei -und xwaniigftes Kapitel. 1J3

fchwerlich oder gar nicht von uns können anfie- lt} r und kläret werden. Denn ift wohl irt dem Begriff drtne*- Gwrftes etwas fo verwick- ltf s BdeT einem WideTfprurh ähnliches anzutreffen, als die unendliche Theilbarkeit einer endli- chen Ausdehnung ift, welche, man Iäugne oder nehme fie an, uns in Folgerungen ver- wickelt, welche gröTsere Schwierigkeiten und fcheiuharere l^ragereirntheiten bei Geh führen, als irgend etwas, da* aus dem Betriff einer im- materiellen denkenden Subftanz kann abgelei- tet werden.

J. 32.

Wir erkennen aufser den einfa- chen Vo r ft ei 1 un g e n nichts.

Diefs darf uns nicht befremden. Denn bei den wenigen oberflächlichen Begriffen . weiche uns entweder von \offendiHgen durch die Sinne, oder von dem, was wir in uns erfahren, durch die Reflexion g< g*ben werden, haben wir auf- fer di<;ren keine Erkenntnifs, nOch weniger aber von dem Wefon und der innern E«riricb> tung der Dinge, welche aufser den Grenzen unfrer Vermög n lieget. Da wir nun in uns fo gewi"s ein Vermögen der Erkcnntnifs und der willkühriichen Bewegung durch die Eifäh« run» kennen lernen, als wir aufsfr uns den Zufammeuhang und Ttie Trennungdichter Thei- K 5 le

7 weites Back.

Ausdehnung und Bewegnn» der

. i reo , lo muf; ?.as einerlei Grunde

dv-r B ;:iimaterieUen VVefens füwohl,

als der e'tae§ Körpers und die Ueberzeugung von der Kxifteai des einen fowolil als des an- dern für uns befriedigend ieyn. Die unabhän- gige E.xi&enz einer Denkkraft ohne Ausdeh- nung iß eben fa wenig widerfpreebend als das unabhängige Dafeyn eines dichten We'ens ohne Denk«-: \>> ie fetten einfache, von einander , unabhängige Begriffe voraus. Der Begriff vom Decken fo klar und deutlich als der Betriff voo der Materie; keiner fetzt den andern vor- aus. Waiuui follte es alfo widerfprechender feyn, dafs ein denkendes Wefen ohne Matei ie, d. h. ein unmarerielleS; als dafs ein ausge« dehn l es Wefen ohne Denkkrafl, d. i. ein ma- terielles Wpfen exiftiete. Verf uchen wir es, ?;öer ciiefe einfachen Begriffe hinauszugehen, und tiefer in das Wefen der Dinge einzudrin- gen, fo gerathen wir augenblicklich in Dunkel« fieiten, Schwierigkeiten und Verwirrung, und können doch nichts weiter, als unfre Blindheit und Unwiffenheit entdecken. Und wenn auch einer von diefen zufammengefetzten Begriffen von Körper und Creift klärer feyn follte, fo ifi: doch fo viel einleuchtend, dafs ße aus keinen andern Beftandiheilen als denjenigen Vorftellun- gen, weiche wir durch die Sinne und durch die Reflexion erhalten, befteheü, Diefes gilt von

Drei und zwanzigfies Kapitel. 155

allen Begriffen der Subftaazen, felbfl vom Be- griff Gottes,

$. -53. B e g r i ff von Gott.

Wenn wir den Begriff untergehen, unter welchem wir uns das höchfte unbegreifliche WeTen denken, fo werden wir finden, dafs er auf eben diefelbe Weife gebildet ift, als der Be- griff von immateriellen Geifrern , und dafs beide Zufamraepgefetzte Begriffe aus einfachen. Begrif- fen der Reflexion begehen. Wir haben z. B. durch die innere Erfahrung die Begriffe von Exiftenzund Dauer, von ErkerSntnifs und Kraft, VeTgnügcn und Glückfeligkrit , und von ver- fchiedeuen andern Eigenfchaften und Vermö- gen, deren Befitz beffer ift, als das Gegentheil. Um nun einen Bfgriff zu bilden , der dem er- habenften Wefen am angemeffenften ift, erwei- tern wir jeden diefer Begriffe durch den Begriff der U nend lichkeit; und fo entfteht durch, die Verbindung dieter Begriffe, der zufammen- gefetzte von Gott. Denn dafs das Gemüth ein Vermögen hat, feine Vorftellangen aus der Sinn- lichkeit und der Reflexion zu erweitern, ift fehoa oben gezeigt worden,

§* 34.

' rf> ZrreiVs Buch.

' i- 34-

Ich beobachte an mir, dafs ich einige we- Toge Dinge, und unter diefen finige, vielleicht au< h alle, unvollkommen erkenne. Dar-uis Kinn ich aber einen Begriff einer Erkern*;. ifa \on doppeltem Umfange bilden, dielen Begriff fo vielural erweitern, als heb Z<hleo verdop- peln l^ffeu , bis er die Erkenntnifs aller wirkli- ch* r. oder möglichen Dinge in fich fafst. L da^ iafst fich auch mit der Vollkommenheit der Erkenntnifs thnn, dajs fie z. B. alle Eigenfchaf- ten . Vermögen, UrTachen, Folgen und \ erhält- rifse der Dinge, kurz alles, was in ihnen ift, oder lieh nur gewiffermaffen auf Ge bezieht, begreift©. So entfteht der Begriff einer unend- lichen oder grenzenlofen Erkenntnifs, Auf eben diefe Weife lafst fich auch der Begriffder Kraft bis zur Unendlichkeit und der BegTiff d«r Dauer der Kxiftenz bis zur GrenzenIofi°keit und zum Begriff ein-s ewigen Wefens erweitern. Der Grad und der Uu.fanz der Exiftenz, der Macht, Weisheit und aller at.dern unsjvorftell- baren Vollkommenheiten t welche wir dem er- habenff.cn Wefen, der Gottheit, beilegen, ift grenzenlos und unendlich. Daraus bilden wir den heften Begriff vOu Gott, chffen unfer Ver- ffand e;: .ift, und zwar blofs durch die

Erweiterung der Vorftellungen , welche wir ich die Reflexion von den Thätigkehea un- Jers eignen Gtiftcs, und durch di« Sinne von

auf-

Drei und zwaruigfles Kapitel. i5/

äufsern Dingen b- kommen haben, bis 711 dem Umfang, weicher die Uuenuiicluvtit. ia lieh fciüiefst.

§• 3?.

Denn die Urien 'Üchkeit in Verbindung der Begriffe von Exiftenz. ~, Ma-.-ht, Erkenntnifs u. f. w, macht den Inhalt d s zufamrnengefetzten Begriffs aus/ dunh weichen wir fo gut als wir können uns das oberfte Wefen vorfteüen. Es ift möglich ,: da"s Gott feinern Weieri nach '<las wir noch weit weniger erkennen, ,ds das eines lüefeifteias » einer Fliege oder untres Ich«) ein- fach ift; allein für uns ift doch kein andrer üe- griff, ab ein tufaineien^efetxter iTiöglich , tieften Beftand heile jene einfache*!, von eina^id'ir ver- fchiedenen Begriffe find, unter denen einige auch wohl relativer und fdion züfammei efeu- ter Art und. -

Es mufs hier noih bemerkt werden, dafs Gott kein Merkmal beigelegt wird . die Unend- lichkeit eiwa an genommen, weichei nicht ia dem zufammenge etzien Begriff von Geifern enthalten ift. Denn auf^er den Begriff' n, wel- che lieh auf Körper beziehen, find wir keiner andern objeetiven empfänglich, ausser derjeni- gen , die wir durch die Reflexion von d^n Thätigkeiten unferer Seele erlargen, und wir

kön-

i5s Zwcic« ImicIi.

können daher auch keine indefe a!< diflfe dm Geiftern bf-il^een. Aller Unteifcbied dieerfie- grilfe tu Rücklicht Auf Gtifter, betrifft b!o$ Unter fehi «de in dein Uir.f.ing und Grad ihrer Erkenntnifs . Macht, Datier und Glückfeli keit u. f. w. Dafs wir aber in den Begriffen von Geiftern fowohl als \On andern Dingen auf den Stoff der Sinne und der Re- flexion e i n % e fc hr ä n k t find, ift daraus kl-ir, d&U wir bei allen Vorafljgen von körper- lich! i) VVefen . ja bei der bis zur Unendlichkeit erweiterten Vollkommenheit, die wir un>> in deofelhen denken, doch (chlechterdings keinen Begriff von der Art und Weife haben, wie fie einander ihre Gedanken mitthei'en. Und doch muffen fie, nachdem wir Ge uns denken, als von allem Körperlichen getrennte Wefen, die im Befiti einer gröfsern Erkenntnifs und G'n'ick- felij;kfit find, auch eine vollkommenere Art der Ideenmittheilung haben, als wir, die an den Gebrauch materieller Zeichen und befonderer Laute gebunden find. Jene Art kenneu wir aber nicht, weil wir in uns keine Erfahrung davon haben; und wir begreifen daher nicht, wie körperlofe Geifter ohne Worte ihre Ge- danken fchnell mittheilen, noch weniger wie fie ihre Gedanken in ihrer Gewalt haben kön- nen, um fie nach Willkühr roitzutheilen oder zu verlieren , ungpachtet wir ihnen diefes V er- müden beilegen muffen,

§• 37-

Drei und zwauzlgftes Kapitel. 15$

§. 97.

Wiederholung,

Wir haben allo »ereilen , von weichst Art untere Begriffe von allen auu jeden Subfl'anzen find, woraus fie beliehen, und wie. wir fie er- langen. Hieraus ergeben fich, wie mich dünkt, folgende Refu'uate, 1) Alle unfre Begriffe den verTchieüenen Arien i'er Sul Sana 'Jen I nur Verbindungen einfacher Vorftelluogen mit VorausfeUung eines Etwas, dem Ge angehören, und La dein fie gegründet lind, -. .. . ;. erat

keinen klaren deutikhen Begriff haben. 2) Dai's alle einfache Vorftellungen , die, in ein > ..'trat vereinige», die mfammengefetzien Begriffe von verfchiedenarligen Subftanzen bilden, keine an- dern Gnd , als die wir durch tue Sinne und die Reflexion ei halten. 3) Difs viele vou diefea einfachen Vorfiellungen , ob fie gleich leicht für Vorftelkwgen von pofitiven Eigenfchaften angefehen werden können , doch nur auf Ver- mögen und Verhältniüe der Subftanzen in Be- ziehung auf einander hinweifen,

Vi et

i6o Zweite« Buch.

Viel- und zwanzigfies Kapilet.

Von collectiven Begriffen der Sub- ita nzen.

$. U

Eincollectiver Begriffenthält Ein- heit.

AuTser den zurammengerefiten Begriffen von einzelned Snbftanzen, n\s Menfch, Pferd, kommen in dem Verftande noch zu Tarn in en- gefetzte collective Begriffe von Sub- ftanzeu vnr Ich nenne fie f«> , weil mehrere einzelne -Subftan/.eo in einen B griff vereiniget werden, und man befrachtet diefe ab *inen einzelnen Begriff. So wird der Begriff von ei- ner Menge Meofchen, die eine Armee ausmacht, nicht weniger als ein Betriff angefehen, als der Begriff von einem Menfchen, obgleich durch jenen eine eroTse Vielheit vQn verfchiedenen Subfianzeu gedacht wird. Eben fo verhält es fich mit dem Begriff Welt . der alle Körper iu- fammenfufst. Denn zur Einheit eines Be- griffs ift nichts weiter erfoderlich , als dafs er als eine Vorfteliung, als ein Gemälde betrach- tet wird . fo viele einzelne Vorsehungen und Bilder auch er in fich vereiniget,

§. 2,

Yitv und zwanzigftes Kapitel. 161

§. 2.

Sie werden durch dasVerbindungs- vermögen der Seele gebildet,

Diefa collectiven Begriffe bildet die Seele durch ihr Verbindungsvermögen, wodurch fie verfchiedene einfache oder züfammengefetzte Begriffe in einen zufammenfaTit. Der V«r- fiand verfährt dabei nicht anders, als bei Bil- dung der Begriffe einzelner Subftanzen, oder der Zahlbegriffe durch Verbindung mehrerer Einheiten. Er fafst mehrere einzelne Subftan- zen znfammen und bildet daraus die collecti- Ven Begriffe von einer Ar-nee, Flotte, Sradt. lederrnann fteUt (ich zufolge des ßewufstfeyBS alle dieTe Gegenftänds unter einem Bi-*»riff und un er einer fo volRomm- nen Einheit als ein Schiff, ein Atom vor. Wie übrigens eine Armee von i©roo Mann in einen Begriff kann zufammengekifst werden, ift nicht fchvve- rer zu begreifen, als wie ein Menfch durch einen Begriff vorgeftellt werde; denn in bei- den Fällen werden mehrere Vorftellungen in eine zufanimengefafst.

$. 3. Alle Werke der Kunft find collec-

tive r>egriffe. Unter diefe collective Begriffe muffen die meiften Begriffe von Kunftwerken, zum Wenig- Locke'3. II. Theil. L ften

(l.Gi Zweites Buch.

fien folche , welch« aus vermiedenen Sub.- Ranzen ziifammengeretzt find , gerechnet wer- den. Und in Wahrheit alle diele collectiven Begriffe, z. B. Armee, Sternbild, Univerfmn find , wenn wir fie aus dem rechten Gefichta- punete betrachten, nichts anders, als eben fo riele kunftlofe Zeichnungen des Verftandes, wodurch, er entfernte und unabhängige Dinge in einen G«?Gchtspunkt vereiniget, um fie durch, Hü'fe eines zusammenfallenden Begriffi und Worts defto bequemer betrachten und unter- fucheu zu können. Denn der Vcftand verei» »iget, wie aus dem Begriff des Univsrfums er- holet, arch die entfernteflen und entgegenge- feuteuen Dinge in einen Begriff.

Fünf und zWartzigltei Kapitel.

Von dem Vorhältnifs.

§♦ i. Was ein Verbältnifs i ft%

**urser den einfachen und zu Tarn mengefetzten Begriffen von den Dingen an üch betrachtet,

grabt

Fünf und zwanzigfles Kapitel, 16$

giebt es noch andere , wen he aus der Vej^Iei- chung mehrerer Din^e mit einander enrlp.rin- gen. Der Verfta'Bd ift bei Betrachtung eines Dinges nicht biols auf daffelbe emgefclnäiikt, er kann einen Belnif gleichi ki. a: iTer (i. h felbft fetzen, oder doch /.um wenigsten über deufelb^n hinaus gehen, um zu ic-iitn , wie er fich zu einem andern verhalt. Wenn der Vrrftand ein Objact auf diefe Art betidLh'et, daU er es nebten ein anderes ftelit, und reu Bück wechfelsweife von dem einen auf nas andre richtet , fo heilst das eine Besifhu g (relatio)j die Merkmale, w Ichs demieil n in dieier Rücklicht beig le - i Werdt«, und < as Densen auf ein von de.i. e!b< n ver i.hiei. ei Object hii, leiten , heii-en rflMue Merk- male: und die mit einander * nen Objecto heifsen b e 7 n £ e n e Dinge rela ■ed, Ouiece des \ eri alt .11» s). Wenn der V( ntand den C«jjus als ein g^wiü •■ reales Wefen be- trachtei, lo nim nt er nie <ts in d>pft?n Hegriff auf. als Wdi wirklich in dem Caju.s vorhanden ift, z. B. Cajus ilt ein Menfch, er i(t weüs. Aber das Prijdicat: er ift ein Ehemann, er ift we'ifser feb liefet eine Beziehung auf eine andere Perlon und ein anderes Ding ein. In beiden Fällen wird das Denken auf etwas acif- fer dem Cajus gerichtet , und zwei Dinge zum Gegenftande der Betrachtung gemacht. jede, fowohl einfach.© als zufammengeieute Vorfteb- L 2 lung

10+ Zweite» Buch.

hing kann der Grund eines Verhaltnifles reyn, infofern fie d^n Verfland veranlafst, zwei Ding« neben einander zu (teilen und gleichfam auf einmal ins Geficht zu f-flen , ob he gleich noch immer als verfchieden betrachtet werden. So ift in dein obigen Falle der Ehevertrag uud die Vollziehung deflelben mit der Sempronia die Veranlafljing zu dem Verbältniisbegriff Ehe- mann, und dasPrädicat weifs, zu demVerhält- nifsbtgriü, weifser in Beziehung auf einen Quaderftein.

Verhällniffe laffen fich nicht leicht vorftellen ohne relative Ausdrücke»

Diefe und ähnliche Ve rhäl t niffe, wel- che duTch relative Ausdrücke mit w e c h fe 1 f e i t i g e r Beziehung ausgedrückt werden, als Vater und Sohn, Grötser und Kleiner. Urfache und Wirkung find für jeder- mann bei dem erlten Anblick verftändiieh. Denn die Ausdrücke Vater und Sohn, Mann und Weib u. f. w. ftehen in fo naher Bezie- hung, und hängen durch die Gewohnheit fo fehr in dem Gedächtnifle zufammen, dafs, wenn das eine genennt wird , der Verftand fo- gleich von dem einen Objecte zum andern übergeht, und das fo nahe gelegte Verhälmifs

wird

Fünf und zwanzigstes Kapitel. 1(55

I

Wird von niemand überfehen, oder bezweifelt, Nicht fo leicht wird aber ein Verhältnifs be- merkt , wo es in einer Sprache an Worten fehlt, um beide Correlate auszudrücken (wie es z. B mit dem Worte Beifchläferin der Fall ift, denn da fällt die Beziehung nicht fo in die Augen, durch welche eins auf das andere hin- weifet, und ohne das andere nicht feyn kann. Daher kommt es, dafs viele Worte , welche doch nach näherer Betrachtung ein Verhältnifs in lieh fchiiereo, Zeichen von auiTern Merk- malen (ex ernal Denominations) genennt wer- deu. Allein alle Worte, die nicht leere Töne find, müflen eiuen Begriff anzeigen, der ent- weder dem Objecte, worauf fie fieb beziehen, als inneres pofitives Merkmal zukommt, oder aus der Beziehung entfpringt, welche der Ver- Itand zwilchen dem einen und andern Objecte wahrnimmt, in welchem Falle er ein Verhält- nifs in fich fchliefst. Es giebt eine andre Art von relativen Worten, die entweder nicht dafür oder doch nicht für Zeichen äuflerer Merkmale anee'ehen werden, ob fie gleich unter dem Schein abroluter Merkmale, eia nicht fo in die Augen fallendes Verhältnifs enthaltep. Von diefer Art find z, B, die Worte alt, grofs, unvollkommen, von denen ich in den folgenden Kapiteln Mehre- res fagen werde,

L 3 §4-

l66 Zweites fluch.

Das Verhäitnifs i ft von den Öia-

gen v ei Jen, weiche in Vei

h c. i 1 i! i f S fte l'j e

P^n bemerke ro»h, dnfs m< hrere Men- fchrn iine»lei Kegriil von dt in Verhüll'.. ei es Ot>jec s haben können, «Ins f»e fich nich: auf einerlei Art vorteilen. Z ß. diejenigen, w- lohe von einem Menfthen fehr verfchieden denken, können doch in dem Betriff eines Vaters übereinftimmig leyn ; denn diefer Be- griil bedeutet nur ein Accidenz des Menfchen, eine Ha dluug, Wodurch er zur Erzeugung feines Gleichen beitragt, wobei auf das , was der Menfcfa fonCt ift oder Feyn kann, gar nicht Rücklicht genommen wird.

§. 5,

Das Verhältnis kann fich ändern, ohne Veränderung des Objects dem es £ u k o tu m t.

Das Wefen des VerbültnitTes begeht alro darin, d.ifs zwei Dinge mit einander ve- gli- chen werden, und dein einen Oiler beiden in «Kefei Hinficht ein Merkmal be. gelegt wird. Wenn das eine von d<e!en Dingen entfernt wird, oder rein Da fern verliert, fo hört auch £as ;,b und üas Merkmal auf, ungeach-

tet

Ftfnf und zwanzigftes Kapitel. i6j

tet in dem andern Ohjecte keine Veränderung vorgegangen ift. Cajus wird z. B, heute als Vater betrachtet , und ift es morgea nicht mehr, blnfs weil fein Sohn gpftorben ift. In Cajus felbft aber ift keine Veränderung vorge- gangen. Ja ein Ding kann zu einer und der- felben Zeit entgegengefetzte Benennungen er- halten, wenn es mit einem andern Objecre verglichen wird, fo kann Cajus in Beziehung auf verfchiedene Perfonen älter odert jünger, ftärker oder ich wacher heifsen»

§. 6.

Ein Verhältnifs findet nur zwi- fchen zwei Dingen ftatt.

Was wirklieh ifi, was exiftieren oder als ein Ding betrachtet werden kann, das ift po- fitiv. Alfo find nicht nur einfache Begriffe und Subitanzen fondern auch Accideuzen pofitiv. Denn obgleich die Theile, aus u eichen fie be- fteben, beb oft auf einendes beziehen, fo wird doch das Ganze als ein Diug betrachtet, we'thes in uns einen zitfammengefetz <-n Begriff, gleich- iam ein aus meinem Zilien beliebendes (-/<• mälde hervorbringt, und es ift unter der Finheit eines Begriffs und eines Waits ein pohtives od. r ab- Iblutes Ding. So ift der Begriff von eifern Tri- angel eine Familie u. f. w. ein abfoluter Begriff, wenn gleich die Beltamuheue del^bea in Be- L 4 zie-

lCt> Zweites Buch.

ziphung auf einander relativ find» Denn ein Vcrhältnifj fidet nur Zwilchen zwei Dingen ftatt , die an fich wirklich getrennt, oder als verfebieden kurz als zwei Dinge geda<ht werden. Lud dann muf^ ein Grund und ^ eran- laäuiig zur Vergltichung vorhanden fe}n.

§ 7.

Alle Dinge find gewiffer Ver h ä 1 t-

nilfsmerkoialt empfänglich.

Ueber die Verhältnifle überhaupt laffen fich folgende Bemerkm gen machen. I) Jedes Ding, es fey ein einfacher Begriff oder Sub- ita«,z. oiierAccidenz. oder Veihältnifs, oder auch ein Wort zur Bezeichnung derlelben , kann in unzählichen Beziehungen zu an- dern Dingen betrachtet werden, woraus der Reichthum der G d«nken und Worte gröfs- tentbeils entlieht. So kann ein JVlenfch als V^ter , Bruder , Sohn , Grofsvater , Enkel, Schwiegervater, SchwiegeilOhn , Ehemann, Freund, Feind, Unterthan, General, Richter, Patron. Client, Profeffor, Europäer, Englän- der, InfuLner, Diener, Herr , Befitzer , Vor- gef-tzter, Untergebener, größer, kleiner, äl- ter , jünger, gleichzeitig, ähnlich, unähn- lr h und lo writer in unzählichen Beziehun- gen gedacht werden. Denn feine Verhält-

niHe

Fünf und zwanzigftes Kapitel. 1Ö9

nifse find fo mannichfaltig, als er mit andern Dingen in Rücklicht auf Einfhmmung, Verfchie- denheit und andere Beziehungen kann ver- glichen werden«

§. 8.

Die Begriffe der V e r h ä 1 1 n i ff e find oft klärer, als die in Verhältnifs flehenden Dinge.

II) Obgleich eiu Verhältnifs nicht zum rea- len Wefen eines Dinges gehört, fondern etwas Aeufjeres und Hinzugekommenes ift, fo find doch die durch relative Worte bezeichneten Begriffe oft klärer und deutlicher, als die Be- griffe von den Subftanzen, denen die Verhält- niffe zukommen. Der Begriff von einem Va- ter oder Bruder ift; um vieles deutlicher als der von einem Menfch; oder mit andern Worten, man kann fich eher klar vorftellen, worin die Vaterfchaft, als worin die Menfchheit beltrht, was ein Freund als was Gott ift. Denn die Kennt- nifs einer Handlung oder einer- einfachen Vor- ftelluug ift oft zur Vorftellung eines Verhältnif» fes hinreichend: aber zur Krkenntuifs einer Subftanz gehört nothwendig eine richtige Ver- bindung mannichfaltiger Begriffe. Sollte ein IVJenfch, der zwei Dinge mit einander ver- gleicht, nicht willen, in welcher Rückficht er diele Vergleichnng anftellt? Das ift kaum denk- L 5 fear,

»? Zweites Buch.

bir, iinrl er rndTfl lifo einen Maren B^ifr" rnn dem V.. hihefr« Die Begriffe von

den V . i fT - n können a 1 Po z u in

\v e ui Ren v o llko iiinncr n rJ d d e u V] I- cner ff y . i als von den S u b ft a n z e n. Denn es Ui gernriaigliflb fchwrr, alle einfache Vorstellungen zu ei kennen, welche in ein^r S bftanz gegründet find, aber leicht, dirieii- g^n zu beftinmen, die ein beftinimtes Verhält* nifs ausmadicn. So kann einer ohne den Be- lnif von MenTch zu haben, aus der Beziehung zweier Men fallen a.if einen gemeinl'chaftiichen Vater den Bebrüt von ihiidern bilden*

Alle VerhältnilTe löTen fich in ein- fache Vor fiel l ur.gen auf.

111) Unbeachtet der grofsen Menge von Be* Ziehungen , na«h Welchen Dinge mit einander verglichen w irden können, lafstn P,q fich doch alle *uf einfache \ i ;1 -Illingen der Empfindung und Reflexion zu. ückführen, und fie haben zu- letzt nur in Gegen fsa ml e. Ich werde diefps nicht rurvon den vortiiglichften Verhält- rtiffen , die wir in Heg'.ire geii^t haben', fon* d-in auch von denjenigen beweisen, welche voi diefer allgemeinen Quelle aller menfabli- chen Erkenn tuiTö fich am vtfei teilen zu entfer- nen fcheisen.

Fünf und .zwr.nzlgfi.es Kapitel. 171

§• '*.

Worte, w e 1 c h e den Verftand über das bezeichnete Ob je et hinaus- führen, find relativ.

IV) Da das Verhältnis die Vergleichurg ei- nps Dinges mit einem andern verschiedenen ift, fo ift jedes Wort relativ, welches den Ver- ftand nothwendig auf andre Beg-iffe fü.'iet, als ia dem Wefen des bezeichneten Ob/ects ge- dacht werden. Ein fch warzer, luftiger, den« kender. hungriger, düyftiger» Menfch find ab- foiute Worte, weil he nichts anders anzeigen a als was an diefem bezeichneten M»nfchen wirk- lich ift. oder als wirklich gedacht wird. Die Worte hingegen, Vater, Bruder, König, Ehe- mann, Fchwärzirer und luftigerer, fetzen, anf- ferdem beztichueten Objecte, noch etwas ver- ftuicUents, aaiser deinltiben befindliches, voraus»

§ Ii.

Nach dieren voraus-elch-ckten Betr^chttin- gpn übeT Vernältniffe überhaupt, werde ich nun an einigen Bespielen zeigen, dafs alle Be- griffe von V'erhältninVn , lo wie die übrigen, aus einfachen V r(t' iiurigen ziifammen gefetzt find, und dais he lic'h. ungeachtet ihrer Fein- h it und 'chfinbtren Abltande von diefer Er- h, ntni' quelle, in die'elben aidlöfen lafien, Ich fange mit dem aU^e taeinftea Verhältnifs an,

r7' Zweites Buch.

welches alle wirkliche und mögliche Din?e um- faßt, nehmlicb, dem Verhähnifs der Uifache und VVirknug.

Sechs und zwanzigltes Kapitel.

Urfache und Wirkung nebft andern Verhältnifsen.

§. r.

Woher dieTe Begriffe entfpringen,

Bey dem beftärd;gen Wechfel der Dinge, welchen die Sinuc wahrnehmen, mufs fich uns uothwendig die Beobachtung aufdringen , dafs manche einzelne Snbftanzen und EigenCchaften zu i?xiftieren anfangen , nnd dafs fie ihre Wirk- lichkeit durch die dazu erforderliche Thätig- keit und Wirkung eines andern Wefens erhal- ten. Aus diefer Wahrnehmung entfpringt der Begriff von Urfache und Wirkung. Was eine einfache oder rufammengefeizte Vorftel- liins hervorbringt, nennen wir überhaupt Ur- fache und was hervorgebracht wird, Wir- kung. Wenn wir z, B. fieden, daf» in der

Sub-

Sech» und zwanzigßes Kapitel. 173

Subftanz, die w;r Wachs nennen, die einfache Vorftellung der Fliiffj^keit , welche vorher nicht ' in jener anzutreffen war, durch die Verbindung mit einem gewiffen Grad von Hitze beftändig hervorgebracht wird, fo nennen wir die Ietzta in Beziehung auf die Flüfiigkeit Urfache, und die Flüffigkeit die Wirkung. Wenn die Sub- ftanz Holz, d. i. eiu gewiffer Inbegriff von ein- fachen Vorftellungen durch die Einwirkung des Feuers in eine